Werder Bremen braucht keinen neuen Trainer – sondern einen kompletten Neuanfang
Dreizehn Spiele ohne Sieg, direkter Abstiegsplatz: Der Trainerwechsel hat nichts bewirkt. Die Probleme liegen tiefer.
Dreizehn Spiele ohne Sieg: Seit November wartet Werder Bremen auf ein Erfolgserlebnis. Diese Zahlen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, während ich beobachte, wie der Traditionsklub von der Weser auf einen direkten Abstiegsplatz abrutscht. Das 1:2 im Kellerduell beim FC St. Pauli ist keine Momentaufnahme mehr. Es ist das Symptom einer Krise, die längst systemische Züge trägt.
Meine These: Werder Bremen hat nicht nur ein Ergebnisproblem, sondern ein Identitätsproblem. Die Trennung von Trainer Horst Steffen sollte ein Signal sein, ein Aufbruch. Doch unter Daniel Thioune setzt sich der Negativlauf nahtlos fort. Das wirft die Frage auf, ob der Trainerwechsel überhaupt das richtige Mittel war – oder ob die Probleme tiefer liegen, als die Vereinsführung zugeben möchte.
Die Szene des Spiels war bezeichnend: Torhüter Mio Backhaus, gerade 21 Jahre alt, lässt beim 0:1 den Ball durch die Finger rutschen. Hauke Wahl köpft ein, das Millerntorstadion bebt. Ich will hier keinen jungen Keeper an den Pranger stellen. Aber dieser Fehler steht symbolisch für einen Klub, dem in entscheidenden Momenten die Sicherheit fehlt. Patzer häufen sich, wenn das Kollektiv wankt. Und Werder wankt gewaltig.
Der direkte Konkurrent FC St. Pauli nutzte die Gunst der Stunde. Trainer Alexander Blessin hatte vor dem Anpfiff die Dringlichkeit betont, und seine Mannschaft lieferte. Joel Fujita traf zum 2:1, die Hamburger schoben sich auf den Relegationsplatz. Für St. Pauli ist das ein Lebenszeichen im Abstiegskampf. Für Bremen ist es ein weiterer Schritt Richtung Abgrund.
Was mich irritiert: Thioune forderte mehr Schärfe in beiden Strafräumen. Doch genau diese Schärfe fehlte, als es darauf ankam. Jovan Milosevic glich zwar zwischenzeitlich aus, doch danach versandete der Bremer Angriff. Keke Topp kam als Joker, blieb aber wirkungslos. Die offensive Harmlosigkeit, die beide Teams in der ersten Halbzeit zeigten, ist bei Werder längst chronisch.
Die Situation ist enorm gefährlich für den Traditionsklub – so steht es in den Berichten, und ich kann dem nur zustimmen. Werder hat sich in eine Lage manövriert, in der jedes Spiel zum Endspiel wird. Die Spiele werden weniger, die Punkte fehlen. Und mit jedem erfolglosen Auftritt schwindet das Vertrauen in die eigene Stärke.
Die Frage ist nicht mehr, ob Werder den Abstiegskampf annimmt. Die Frage ist, ob dieser Klub noch die Substanz besitzt, ihn zu gewinnen. Wer dreizehn Spiele ohne Sieg bleibt und dabei auf einen direkten Abstiegsplatz rutscht, muss sich ehrlich machen: Reicht ein neuer Trainer? Oder braucht es einen kompletten Neuanfang – einen, der wehtut, aber überfällig ist?