Wenn Florian Wirtz seinen Trainer verteidigen muss, ist Liverpools Krise längst in der Kabine

Ein 22-Jähriger stützt öffentlich seinen Coach – das zeigt, wie tief Liverpools Probleme reichen. Die Hierarchie ist gekippt.

Wenn Florian Wirtz seinen Trainer verteidigen muss, ist Liverpools Krise längst in der Kabine
IMAGO/Propaganda Photo

„Wir glauben an den Trainer." Florian Wirtz hat diesen Satz vor dem Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel bei Paris Saint-Germain gesagt, ruhig, gefasst, beinahe routiniert. Und genau das ist das Problem. Denn wenn ein 22-Jähriger, seit weniger als einem Jahr im Verein, öffentlich das Vertrauen in seinen Coach aussprechen muss, dann ist die Krise nicht mehr nur eine Ergebniskrise. Dann ist sie in der Kabine angekommen.

Liverpool hat eines der jüngsten fünf Pflichtspiele gewonnen. Eines von fünf. Am Samstag setzte es ein 0:4 im FA-Cup-Viertelfinale bei Manchester City – Erling Haaland mit drei Toren, Mohamed Salah scheiterte beim Stand von 0:4 mit einem Elfmeter an James Trafford. Wer die Aufstellung sah, sah auch Wirtz in der Startelf, ausgewechselt in der 67. Minute. Es war kein Kollaps einer Reserveelf. Es war die erste Garde, die auseinanderbrach.

Wirtz räumt das ein, auf seine Art: „Wir hätten uns gewünscht, dass es noch besser wäre, aber es ist, wie es ist." Das klingt nicht nach Überzeugung. Das klingt nach einem Spieler, der die richtige Balance sucht zwischen Loyalität und Realität – und dabei vor allem eines vermeiden will: Öl ins Feuer gießen. Schadensbegrenzung statt Aufbruchsignal.

Das übliche Machtverhältnis in einem Klub sieht anders aus. Ein Trainer stellt sich vor seine Spieler, nicht umgekehrt. Ein Trainer gibt die Richtung vor, ein Trainer absorbiert Druck. Wenn stattdessen der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte – Wirtz wechselte 2025 für eine Ablösesumme von bis zu 150 Millionen Euro von Bayer Leverkusen nach Liverpool – die Schutzrede übernimmt, verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Die Hierarchie kippt. Der Spieler wird zum Pressesprecher seines Coaches.

Arne Slot hat sich diesen Kredit durchaus verdient. Er führte Liverpool in seiner ersten Saison zur englischen Meisterschaft. Das ist kein kleiner Erfolg. Und laut Berichten denkt der Verein nicht daran, den Trainer zu wechseln. Gleichzeitig stehen Meldungen im Raum, Slot habe seinen Rücktritt angeboten. Beides kann stimmen – und beides zusammen ergibt das Bild einer Führungsebene, die sich gegenseitig festhält, weil niemand als Erster loslassen will.

Fünfter Platz in der Premier League, 21 Punkte hinter Arsenal. In der vergangenen Saison scheiterte Liverpool im Champions-League-Achtelfinale an PSG – 1:0-Sieg in Paris, 0:1 an der Anfield Road, dann das Aus im Elfmeterschießen. Jetzt also wieder PSG, diesmal im Viertelfinale. Wirtz weiß, was es braucht: „90 Minuten voller Energie und Hingabe, sonst haben wir keine Chance." Ein Satz, der bei einem Titelanwärter nach Kampfansage klingen sollte – und bei diesem Liverpool nach Selbstbeschwörung klingt.

Sechs Tore, neun Assists in allen Wettbewerben: Wirtz liefert solide Zahlen, aber nicht die Zahlen eines Spielers, der eine Mannschaft aus der Krise reißt. Auch das gehört zur Wahrheit. Sein Bekenntnis zu Slot ist ehrenhaft, vielleicht sogar aufrichtig. Aber es entlarvt, dass in dieser Kabine niemand über ihm steht, der das übernimmt. Ein 22-Jähriger, der seinen Trainer öffentlich stützen muss, braucht nicht weniger Druck – er braucht jemanden, der ihm den Druck abnimmt.