Wenn die Fahne oben ist, muss das gelten – sonst verzerrt sich der Abstiegskampf

Schlager legt die Regel formal korrekt aus – und überschreibt damit das Signal seines eigenen Assistenten. Union zahlt den Preis. Das ist ein Systemfehler.

Teilen
Wenn die Fahne oben ist, muss das gelten – sonst verzerrt sich der Abstiegskampf
IMAGO/Beautiful Sports International

Zwei Tore Vorsprung verspielt, ein Punkt am Ende, und mittendrin eine Fahne, die oben war, als sie nicht mehr oben sein durfte. Der 1. FC Köln führte durch Marius Bülter mit 1:0, der Assistent von Daniel Schlager hatte längst signalisiert: Abseits. Schlager ließ weiterspielen. Das ist keine mutige Regelauslegung. Das ist ein Systemfehler, und er verzerrt den Abstiegskampf.

Schlagers Begründung ist, für sich genommen, sauber vorgetragen. "Damit hier eine strafbare Abseitsposition vorliegt, müssen drei Kriterien erfüllt sein", sagt er bei Sky, führt die Kriterien durch und kommt zum Ergebnis: El Mala spielt den Ball nicht, ist in keinem Zweikampf, beeinflusst keinen Gegenspieler. Regeltechnisch nachvollziehbar. Nur: Die Regel entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht auf einem Platz, auf dem 22 Profis darauf trainiert sind, zu reagieren – auf Pfiffe, auf Rufe, auf die Fahne des Assistenten.

Genau dort liegt der Bruch. Wenn die Fahne oben ist, ziehen Verteidiger zurück, stellen Angreifer ab, verlangsamt sich das Spiel. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Ein Jahrzehnt Abseitsausbildung steckt in diesen Beinen. Livan Burcu, der auf der anderen Seite zum Torschützen wurde, bringt es auf den Punkt: "Er geht aktiv zum Ball und die Fahne wird gehoben und danach kommt der Ball ins Zentrum." Und Trainerin Marie-Louise Eta ergänzt den Satz, der die ganze Diskussion trägt: "Ein Spieler war im Abseits, der Seitenassistent hebt die Fahne. Dementsprechend reagieren Spieler darauf."

Der Schiedsrichter weiß das. Schlager sagt selbst: "Da kam die Fahne in dem Moment etwas zu früh." Er räumt ein, der Assistent habe den nachrückenden Spieler "nicht gesehen". Das sei ein Thema, "das wir aufarbeiten". Übersetzt: Mein Team hat einen Fehler gemacht – und ich entscheide trotzdem so, als hätte es diesen Fehler nicht gegeben. Die Frage, die daraus folgt, ist unbequem: Darf ein Schiedsrichter die sichtbare, für alle wahrnehmbare Kommunikation seines eigenen Gespanns einfach überschreiben, weil die Regel ihm Spielraum lässt?

Man kann Schlager zugutehalten, dass er die Regel formal korrekt auslegt. Dass er den Mut hat, eine Fahne zu ignorieren, die er selbst für verfrüht hält. Dass der VAR nicht eingriff. Das ist die andere Seite, und sie gehört erwähnt. Nur: Formale Korrektheit ist kein Freibrief, wenn das Ergebnis eine Partie verzerrt, in der es um Klassenerhalt geht. Union Berlin verlor auf diese Weise nicht nur ein Gegentor – die Mannschaft verlor für einen Moment die Grundlage, auf der Profifußball funktioniert: dass oben ist, was angezeigt wird.

Am Ende steht ein 2:2. Ein Punkt für Union, zwei verschenkte. Zur Erinnerung: Im Abstiegskampf entscheiden einzelne Punkte am letzten Spieltag über Millionen und Existenzen. Schlager sagt, man werde den Fall aufarbeiten. Gut. Aber Aufarbeitung hilft dem nicht weiter, der jetzt unten steht, weil Spieler einer Fahne vertrauten, die der Schiedsrichter nicht mehr gelten lassen wollte.