Warum Real Madrids Krise die Bayern nicht beruhigen, sondern eine Warnung sein sollte

Real Madrid hat die Meisterschaft abgeschrieben – und konzentriert alle Energie auf die Champions League. Genau das macht sie gefährlich.

Warum Real Madrids Krise die Bayern nicht beruhigen, sondern eine Warnung sein sollte
IMAGO/nogueirafoto

Sieben Punkte Rückstand auf Barcelona, eine Niederlage beim Abstiegskandidaten auf Mallorca, spanische Zeitungen, die von „Kapitulation" und „Kreuzweg" schreiben: In München dürften einige die Berichte über Real Madrid als gute Nachricht lesen. Sie liegen falsch.

Real Madrid hat die Meisterschaft praktisch abgeschenkt – und genau das macht dieses Viertelfinal-Hinspiel am Dienstag für die Bayern so heikel. Ein Real, das nichts mehr zu verlieren hat, ist kein angeschlagener Gegner. Es ist ein entfesselter. Die Champions League ist für die Madrilenen nicht mehr ein Titel unter mehreren, sondern die letzte Bühne, auf der diese Saison noch Sinn ergibt. Das verändert alles.

Trainer Álvaro Arbeloa hat nach dem 1:2 auf Mallorca nicht lamentiert, sondern sofort umgeschaltet. Seine Ansage war unmissverständlich: „Wenn sie die Umkleidekabine verlassen, dürfen sie nur noch an Bayern denken." Das ist keine Durchhalteparole, das ist eine strategische Entscheidung. Real priorisiert den Europapokal – offen, kompromisslos, mit der gesamten Energie eines Kaders, der im Liga-Alltag zuletzt gegen Getafe, Osasuna und jetzt Mallorca strauchelte. Der Fokus wird auf ein einziges Spiel gebündelt. Wer glaubt, das sei ein Nachteil, hat die DNA dieses Klubs nicht verstanden.

Die Zahlen erzählen zwei verschiedene Geschichten. In La Liga: 22 Siege, aber fünf Niederlagen in 30 Spielen, zu viele für einen Titelkandidaten in Spanien. In der Champions League: ein 3:0 und ein 2:1 gegen Pep Guardiolas Manchester City im Achtelfinale. Dieselbe Mannschaft, dieselben Spieler, eine komplett andere Intensität. Mbappé und Vinícius Júnior können in K.o.-Spielen eine Wucht entfalten, die sich in Ligaspielen gegen tief stehende Gegner kaum andeutet. Arbeloa ließ beide auf Mallorca zunächst auf der Bank und brachte sie erst zur 60. Minute – Kräfte sparen für Dienstag, so liest sich das im Rückblick.

Auch die Bayern kommen nicht als Souverän in dieses Duell. Das 3:2 in Freiburg, gedreht durch Nachspielzeit-Tore von Lennart Karl und Tom Bischof, war ein Charaktersieg – aber eben auch ein Spiel, in dem Kompanys Mannschaft lange einem Rückstand hinterherlief. Der Unterschied: Bayern hat in der Bundesliga mit 73 Punkten nach 28 Spielen ein komfortables Polster und muss in der Liga nichts erzwingen. Real Madrid dagegen hat in der Liga nichts mehr zu gewinnen – und kanalisiert den Frust einer enttäuschenden Saison in den einen Wettbewerb, der für den Rekordsieger ohnehin über allem steht.

„Ich weiß, wozu meine Spieler fähig sind", sagte Arbeloa. Kein Trainer sagt das nach einer Niederlage ohne Grund. Es war eine Botschaft nach München, verpackt als Selbstberuhigung. Die Marca schreibt vom „Kreuzweg", die AS von einer „Kapitulation" – aber wer Real Madrid kennt, weiß: Diese Mannschaft hat sich in ihrer Geschichte nie gefährlicher gezeigt als in Momenten, in denen die letzte Chance die einzige Chance war. Bayern sollte die Schlagzeilen aus Spanien nicht als Einladung lesen, sondern als Warnung.