Warum Kimmichs Rückzug aus der Polit-Show ein Fortschritt ist
Wer Kimmichs Entscheidung als „falsche Lehre“ brandmarkt, behauptet implizit, es gebe eine Pflicht zur Haltung – und zwar zur richtigen.
Von Dr. Thomas Hartung
Pit Gottschalks Kommentar (u.a. bei Focus Online) nennt Joshua Kimmichs Ankündigung, sich bei der WM 2026 aus politischen Debatten herauszuhalten, eine „Kapitulation“. Der DFB-Kapitän, so der Autor, dürfe angesichts von Donald Trump, Grönland und Strafzöllen nicht einfach schweigen – er habe eine „Verantwortung“, Stellung zu beziehen.
Allein diese Aufzählung zeigt, worum es wirklich geht: Nicht um Menschenrechte am Spielfeldrand, sondern um eine generelle Pflicht zum politischen Bekenntnis. Wer heute Bedeutungsvolles tun will, soll nicht Bälle spielen, sondern Signale senden. Aus einem Sportler wird ein politischer Funktionsträger, aus dem Kapitän ein Kommissar der „richtigen Haltung“.
Dabei blendet der Kommentar aus, dass Kimmich genau aus den Erfahrungen von Katar die Konsequenz zieht: Er hat mehrfach davor gewarnt, den Fußball zum Wandertheater der Weltpolitik zu machen. Er wolle für Werte stehen, sei aber „kein politischer Experte“; dafür gebe es andere, seine Aufgabe sei es, gut Fußball zu spielen. In einer demokratischen Ordnung ist das kein Rückzug, sondern eine legitime Rollenklärung. Wer Sportler zum permanenten Gesinnungsbeauftragten erklärt, verkennt Grenzen von Kompetenz und Mandat.
Gottschalk behauptet, die deutsche Mannschaft sei 2022 nicht an ihrer Politisierung gescheitert, sondern an der „halbherzigen Inszenierung“: One-Love-Binde und Mund-zu-Foto seien nur inkonsequent gewesen. Genau hier liegt die intellektuelle Blindstelle. Schon damals wurde die Nationalelf zur Litfaßsäule einer rot-grünen Moralagenda nach SPD-Drehbuch umgebaut: Regenbogen statt Taktiktafel, Haltungsrituale statt Spielkultur.
Das Ergebnis war nicht ein zu schwaches politisches Signal, sondern die vollständige Überblendung des eigentlichen Auftrags – Fußball spielen. Ich hatte diesen Vorgang für Tumult detailliert beschrieben: Die DFB-Elf als „Menetekel einer zerfallenden Gesellschaft“, in der Politik, Medien und Verbände lieber moralische Gesten produzieren, als Leistung und Erfolg einzufordern. Das Symbolgeschleuder in der Wüste – Armbinden, Statements, Regenbogenkulissen – war kein zu wenig an Aktivismus, sondern ein Zuviel.
Sie nahm der Mannschaft die Konzentration, spaltete das Team und entfremdete Millionen Zuschauer, die einfach guten Fußball sehen wollten. Kimmichs heutige Haltung – Politik raus aus der Kabine – ist in diesem Licht keine Kapitulation, sondern eine späte Einsicht: Wer ein Turnier gewinnen will, muss den Sport ernst nehmen und darf ihn nicht länger als Bühne für außenpolitische Belehrungen missbrauchen.
Gottschalk arbeitet mit moralischem Druck: Er malt „verstörende Bilder“ aus den USA – Polizeieinsätze, Migrationsbehörde ICE, Einreisebeschränkungen –, um zu suggerieren, ein schweigender Fußballer mache sich mitschuldig. Das Problem dieses Szenarios ist seine Einseitigkeit. Wo war diese Leidenschaft, als deutsche Politiker in Katar um LNG-Gas warben, während dieselben Medien die WM im Wüstenemirat mit Anti-Katar-Kampagnen begleiteten?
Wo ist sie, wenn saudische Investoren halb Europa aufkaufen, von Fußballklubs bis Rüstungsgeschäften? Die Auswahl der Empörungspunkte folgt einem vertrauten Muster: Der „böse Westen“, hier verkörpert durch Trump-Amerika, eignet sich als Feindbild besser als autoritäre Regime, mit denen man energie- und migrationspolitisch eng verflochten ist. Der Fußballer wird zum Sprachrohr einer Außenpolitik, die selbst voller Widersprüche steckt. Kimmich soll ausbaden, was Politik und Medien nicht zu lösen bereit sind.
Konservativ gedacht beginnt Freiheit nicht dort, wo alle ihre Meinung laut herausrufen, sondern dort, wo man Menschen zugesteht, in bestimmten Rollen gerade nicht politisch zu agieren. Ein Trainer muss kein Kolumnist sein, ein Opernsänger kein Klimaaktivist, ein Nationalspieler kein außenpolitischer Kommentator. Ich schrieb damals von einem „Menschenrecht auf politikfreie Räume“ – und traf damit einen Nerv vieler Fans.
Umfragen zeigen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung politische Debatten bei Großereignissen wie EM und WM ausdrücklich nicht wünscht. Das ist kein Zeichen von Apathie, sondern von Vernunft: Wer seine politischen Überzeugungen ernst nimmt, trägt sie im Parlament, in Bürgerinitiativen, in öffentlichen Debatten aus – nicht in der 87. Minute per Eckfahnenpose.
Die permanente Moralisierung des Alltags, zu der der Sport längst gehört, ist ein Kennzeichen spätmodernen Aktivismus: Alles wird symbolisch überladen, jede Veranstaltung zur Bühne eines Kampfes Gut gegen Böse. Wer sich entzieht, gilt als „kapituliert“. Tatsächlich verteidigt er die Möglichkeit der Unterscheidung: hier das Spiel, dort die Politik.
Joshua Kimmich hat sich in der Vergangenheit durchaus geäußert, etwa in der Impfdebatte – mit allen Folgen für seine Person. Nun entscheidet er sich, als Kapitän eine andere Linie zu fahren: Verantwortung auf dem Platz, Maßhalten am Mikrofon. Damit akzeptiert er, dass auch Schweigen eine legitime Form der Selbstbegrenzung ist.
Gottschalk will daraus eine moralische Niederlage machen. Tatsächlich liegt die Niederlage anderswo: in einer Medienkultur, die den Fußball nur noch als Transportmittel für die
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