Vinicius' Versöhnung mit Real-Fans ist nur eine Momentaufnahme

Vinicius Júnior erlebt nach Pfiffen eine Wende. Aber es gilt der alte Spruch: Das Bernabéu verzeiht schnell, aber es vergisst nie.

Vinicius' Versöhnung mit Real-Fans ist nur eine Momentaufnahme
IMAGO/Alterphotos

Die Beziehung zwischen Vinicius Júnior und den Fans von Real Madrid gleicht einer Achterbahnfahrt, die selbst für Madrider Verhältnisse bemerkenswert ist. Vor wenigen Tagen noch Zielscheibe von Pfiffen im eigenen Stadion, jetzt wieder gefeierter Held nach einem Gala-Auftritt gegen Monaco: ein Tor, drei Vorlagen, dazu Einsatz in der Defensive – der Brasilianer lieferte exakt das, was die anspruchsvollste Fangemeinde der Welt von ihm erwartet.

Was diese Episode über den modernen Fußball erzählt, ist weniger schmeichelhaft. Das Bernabéu verzeiht schnell, aber es vergisst nie. Die Pfiffe gegen eigene Spieler gehören zur DNA dieses Stadions, sie trafen schon Größen wie Casillas, Ronaldo und Benzema. Vinicius reiht sich nun in diese illustre Liste ein. Der Unterschied: Er spricht offen darüber, wie sehr ihn das trifft.

Seine Worte nach dem Monaco-Spiel offenbaren eine Verletzlichkeit, die man bei Weltklassespielern selten hört. Die letzten Tage seien sehr schwierig gewesen, besonders für ihn wegen der Pfiffe und negativen Äußerungen. Das macht ihn traurig, er möchte nicht zuhause ausgepfiffen werden, wo er sich so wohlfühlt. Diese Ehrlichkeit verdient Respekt, auch wenn sie im Hochglanz-Geschäft Profifußball fast anachronistisch wirkt.

Vinicius braucht Liebe

Jude Bellingham trifft den Kern, wenn er sagt, Vinicius sei ein Spieler, der aufblüht, wenn er Liebe bekommt. Die veränderte Stimmung im Stadion habe man deutlich gespürt, der Flügelstürmer scheine von seinen Fesseln befreit. Das ist keine Schwäche, das ist menschlich. Aber es wirft die Frage auf, wie nachhaltig diese Versöhnung sein kann.

Denn das Grundproblem bleibt bestehen. Real Madrid befindet sich in einer schwierigen Phase, das 6:1 gegen Monaco war erst das dritte Spiel nach der Entlassung von Trainer Xabi Alonso. Die Erwartungen sind gigantisch, die Geduld der Fans begrenzt. Beim nächsten Formtief werden die Pfiffe zurückkehren, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Vinicius muss lernen, damit umzugehen – oder er wird an diesem Druck zerbrechen. Die Alternative wäre ein Wechsel, aber wohin? Nur wenige Vereine können sein Gehalt stemmen, noch weniger bieten eine vergleichbare Bühne. Er ist an Real gebunden, im Guten wie im Schlechten.

Die Versöhnung vom Dienstagabend ist deshalb nicht mehr als eine Momentaufnahme. Sie zeigt, wozu Vinicius fähig ist, wenn die Umstände stimmen. Sie zeigt aber auch, wie fragil das Verhältnis zwischen Spieler und Publikum geworden ist. Im Bernabéu wird Leistung nicht erbeten, sie wird eingefordert. Wer das nicht aushält, hat dort nichts verloren. Vinicius hat bewiesen, dass er es kann. Jetzt muss er es dauerhaft beweisen.