Videobeweis soll Fehler korrigieren und nicht den Schiedsrichter zur Marionette machen
Die geplante Ausweitung der VAR-Befugnisse untergräbt die Autorität auf dem Spielfeld und stößt deshalb völlig zu Recht auf Widerstand beim DFB
Der Fußball verursacht strittige Szenen, gar keine Frage, und der Videobeweis sollte Ungerechtigkeiten bei Schiedsrichter-Entscheidungen beseitigen. Doch nun wird das alles zum Selbstzweck zu werden: Die Pläne des International Football Association Board, dem VAR künftig auch die Überprüfung von Eckbällen und Gelb-Roten Karten zu erlauben, klingen auf den ersten Blick vernünftig. Auf den zweiten Blick offenbaren sie ein grundsätzliches Missverständnis dessen, was der Videobeweis leisten kann und was nicht.
Jochen Drees, der beim DFB für Innovation und Technologie zuständig ist, hat die Schwachstellen präzise benannt. Wer die zweite Gelbe Karte überprüfbar macht, muss konsequenterweise auch die erste Gelbe Karte einbeziehen. Alles andere wäre willkürlich. Und genau hier liegt das Problem: Man öffnet ein Feld, das sich nicht mehr sinnvoll begrenzen lässt. Die Büchse der Pandora, einmal geöffnet, lässt sich nicht mehr schließen.
Der ursprüngliche Gedanke des VAR war klar definiert: klare Fehlentscheidungen bei spielentscheidenden Situationen korrigieren. Tore, Elfmeter, Rote Karten, Spielerverwechslungen. Punkt. Diese Beschränkung war kein Versehen, sondern bewusste Selbstbegrenzung. Sie sollte verhindern, dass der Schiedsrichter auf dem Platz zur Marionette eines Kontrollraums wird.
Schiri-Autorität vom VAR untergraben
Die neuen Vorschläge untergraben genau dieses Prinzip. Bei Eckbällen geht es um Zentimeter, um Interpretationen, um Ermessen. Dasselbe gilt für Gelbe Karten, die fast immer Ermessensentscheidungen sind. Ist das Foul taktisch? War die Intensität zu hoch? Solche Fragen lassen sich nicht objektiv beantworten, auch nicht mit zehn Kameraperspektiven.
Drees warnt zurecht vor künstlichen Verzögerungen. Schon jetzt unterbricht der VAR den Spielfluss regelmäßig. Wenn künftig bei jedem strittigen Eckball der Schiedsrichter zum Monitor geschickt wird, verliert der Fußball das, was ihn ausmacht: Tempo, Emotion, Unmittelbarkeit.
Besonders aufschlussreich ist der Hinweis auf die FIFA und ihre WM-Interessen. Die Vorstellung eines durch eine Fehlentscheidung entschiedenen Finales ist für den Weltverband tatsächlich ein Albtraum. Aber Regeln, die für ein Turnier mit 64 Spielen gemacht werden, passen nicht automatisch für nationale Ligen mit hunderten Partien pro Saison. Was in einem WM-Finale vertretbar erscheint, wird im Alltag der Bundesliga zur Belastung.
Der Fußball braucht keine Ausweitung des VAR. Er braucht bessere Schiedsrichter, mehr Respekt vor deren Entscheidungen und die Akzeptanz, dass Fehler zum Sport gehören. Die Dreiviertelmehrheit, die das IFAB Ende Februar für diese Änderungen benötigt, sollte nicht zustande kommen. Manchmal ist Stillstand der bessere Fortschritt.