St. Paulis Vuskovic-Kritik ist Imagepflege, keine Aufarbeitung
Der FC St. Pauli fordert Respekt und kritisiert einseitige Darstellungen nach dem Derby.
Das Hamburger Stadtderby ist Geschichte, das Ergebnis lautet 0:0, doch die eigentliche Partie wird jetzt in den Pressemitteilungen ausgetragen. Der FC St. Pauli hat sich zu Wort gemeldet und HSV-Verteidiger Luka Vuskovic kritisiert. Die Stellungnahme ist bemerkenswert – nicht wegen ihrer Schärfe, sondern wegen ihrer kalkulierten Doppelbödigkeit.
Der Kiezklub erwartet von Spielern und Vereinsrepräsentanten ein angemessenes und professionelles Auftreten. Man solle sich nicht leicht provozieren lassen, Fans nicht bepöbeln und keine Grenzüberschreitungen wie Spucken begehen. Das klingt vernünftig, fast staatstragend. Gleichzeitig räumt St. Pauli ein, dass zu einem Derby auch Frotzeleien und vereinzelt leider auch Beleidigungen auf beiden Seiten gehörten. Diese seien nicht zu begrüßen, beide Seiten sollten sich davon distanzieren.
Hier wird es interessant. Denn St. Pauli kritisiert nicht nur Vuskovic, sondern beklagt im selben Atemzug ein einseitiges Narrativ in der Berichterstattung. Es irritiere den Verein, dass teils über Tage ein Bild gezeichnet werde, dem zufolge nur eine Seite provozierend oder verursachend gewesen sei, während andere Vorfälle ausgeblendet würden. Der Klub verweist auf sexistische Banner im HSV-Block und herabwürdigende Sprüche von den eigenen Tribünen.
Die Retourkutsche kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Provokationen gegen Vuskovic und seinen Bruder Mario, der noch bis November eine Dopingsperre absitzt, offenbar gezielt und persönlich waren. Der 18-Jährige selbst nannte das Verhalten der Heim-Anhänger sehr respektlos und erklärte, er habe nichts Gutes über die Fans zu sagen.
St. Paulis Argumentation auf wackeligem Fundament
Die Reaktion des jungen Kroaten war unprofessionell. Wer in den Kabinengang spuckt, wer Fans mit dem Zeigefinger auf den Lippen provoziert, der liefert seinen Gegnern genau die Bilder, die sie haben wollen. Das muss Vuskovic lernen. Doch die moralische Überlegenheit, die St. Pauli in seiner Stellungnahme beansprucht, steht auf wackeligem Fundament.
Emotionen erklärten vieles, rechtfertigten aber nicht alles, schreibt der Verein. Das stimmt. Es gilt allerdings für beide Seiten. Wer einen 18-Jährigen wegen seines gesperrten Bruders attackiert, darf sich nicht wundern, wenn dieser die Fassung verliert. Wer dann eine Pressemitteilung verfasst, die gleichzeitig Demut und Anklage transportiert, betreibt Imagepflege, keine Aufarbeitung.
Das Hamburger Derby hat wieder einmal gezeigt, dass die Rivalität zwischen diesen Klubs längst über den Sport hinausgeht. Sie ist identitätsstiftend, emotional aufgeladen und anfällig für Eskalation. Die Lösung liegt nicht in Stellungnahmen, sondern im echten Dialog. Doch dafür müssten beide Seiten aufhören, das jeweils andere Lager als alleinigen Verursacher darzustellen.