Schalkes Sieg in Unterzahl zeigt: Diese Mannschaft hat echte Aufstiegssubstanz
Trotz Platzverweis, ohne Dzeko und Karaman gewinnt Schalke in Elversberg. Fünf Spiele vor Schluss steht die Mannschaft – und das ist kein Zufall.
Moussa Sylla brauchte fünf Minuten. Fünf Minuten, nachdem Schiedsrichter Michael Bacher seinen Mitspieler Moussa Ndiaye mit einer Gelb-Roten Karte vom Platz geschickt hatte – nach einem Zweikampf, in dem Elversbergs Lukas Petkov dem Schalker auf den Fuß getreten war. Nicht umgekehrt. Sylla antwortete nicht mit Wut, sondern mit einem Tor. Und genau in dieser Szenenfolge steckt die ganze Geschichte dieses Schalker Abends an der Kaiserlinde.
Das 2:1 bei der SV Elversberg ist kein normaler Auswärtssieg in der 2. Liga. Es ist ein Sieg ohne Torjäger Edin Dzeko, ohne den gesperrten Kapitän Kenan Karaman, in Unterzahl ab der 51. Minute, nach einem frühen 0:1-Rückstand durch Luca Schnellbacher in der 4. Minute – und gegen eine Mannschaft, die ihre beste Zweitliga-Saison spielt. Wer nach Belegen für Widerstandsfähigkeit sucht, muss nicht weiter blättern.
Trainer Miron Muslić hat eine Mannschaft geformt, die sich von Widrigkeiten nicht lähmen lässt, sondern sich an ihnen aufrichtet. Soufiane El-Faouzi glich per Fallrückzieher aus, ein Tor, das artistisch war, aber eben auch symptomatisch: Schalke findet Lösungen, wo andere hadern. Acht ungeschlagene Zweitligaspiele in Folge vor dem Elversberg-Gastspiel, Herbstmeister mit 37 Punkten nach 16 Spieltagen – und jetzt 58 Zähler nach 29 Partien mit fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang. Das ist kein Zufall. Das ist Substanz.
Natürlich lässt sich einwenden, dass Elversberg trotz Überzahl den Sieg nicht erzwingen konnte. Dass Schalke auch Glück hatte, als zwei frühe Umschaltmomente der Gastgeber folgenlos blieben. Und dass die Gelb-Rote Karte gegen Ndiaye – die nach aktuellem Regelwerk nicht einmal vom Videoassistenten überprüft werden darf – das Spiel in eine Richtung kippte, die beiden Teams einen anderen Abend bescherte. All das stimmt. Aber es erklärt nicht, warum zehn Schalker danach nicht einbrachen, sondern binnen Minuten das Siegtor erzielten und den Vorsprung mit Leidenschaft über die Zeit brachten.
Huub Stevens hat vor dem Spiel Worte gefunden, die auf Schalke nachhallen: „Wenn wir's jetzt nicht schaffen, dann fürchte ich, dass Schalke erst einmal nicht mehr in die Bundesliga zurückkehrt." Stevens kennt diesen Verein wie kaum ein Zweiter, und der Jahrhunderttrainer der Schalker hat nicht laut gewarnt, sondern leise – was es schwerer macht, die Botschaft zu ignorieren. Diese Dringlichkeit scheint angekommen zu sein. Nicht als Druck, der lähmt, sondern als Klarheit, die befreit.
Fünf Spiele bleiben, fünf Punkte Polster. Die Tabelle sagt: Schalke muss es nur noch verwalten. Das Spiel in Elversberg sagt etwas anderes, etwas Wichtigeres: Diese Mannschaft kann mehr als verwalten. Sie kann leiden, einstecken, aufstehen – und dann zuschlagen, wenn der Gegner glaubt, das Momentum auf seiner Seite zu haben. Taktische Klasse allein gewinnt keine Aufstiege. Den Unterschied macht am Ende die Mannschaft, die auch dann noch steht, wenn alles gegen sie läuft.
Schalke steht.