Sammer sagt den einen Satz, den der DFB jetzt hören muss
Vor dem Debüt in Amsterdam bremst der Europameister von 1996 die Klopp-Euphorie. Wer soll ihm da widersprechen?
Am Dienstag leitet Jürgen Klopp in Herzogenaurach sein erstes Teamtraining, am Donnerstag um 20.45 Uhr gibt er sein Debüt als Bundestrainer in Amsterdam gegen die Niederlande. Und schon jetzt, vor dem ersten Anpfiff, redet halb Deutschland so, als sei die Trophäe bloß noch eine Formsache. Matthias Sammer redet nicht so.
„Er kann nicht hexen“, sagt der Europameister von 1996 im „Sammer & Basile – der Hagedorn-Talk“ bei Sky. Ein Satz, so schlicht, dass er fast untergeht – und doch der wichtigste, der in diesen Tagen über Klopp fällt. Denn Sammer setzt der Heilsbringer-Erzählung genau das entgegen, was der DFB nach dem WM-Debakel dringender braucht als noch eine Welle guter Laune: Nüchternheit.
Die Euphorie ist real, und Sammer leugnet sie nicht. „Er wirkt euphorisiert – jetzt schon –, auch auf das Volk, auch auf die Mannschaft“, sagt er. Man könnte darin die Rettung sehen: Ein Team, das nach dem WM-Debakel am Boden lag, richtet sich an der Ausstrahlung eines Mannes wieder auf, der das Land in einer Stimmung hält, die keine noch so kluge Analyse erzeugt. Genau darauf hoffen viele.
Sammer aber liefert den Nachsatz gleich mit: „Aber nur mit Euphorie kannst du irgendwann nicht laufen.“ Und da hat er ja recht. Gefühl trägt über ein Länderspiel, vielleicht über zwei. Es trägt nicht über ein Turnier gegen Gegner, denen die Kappe des Bundestrainers herzlich egal ist.
Dabei ist Sammer alles andere als ein Zweifler. Er verknüpft mit dem Start große Hoffnungen, und er begründet sie sachlich. „Ich erkenne bei ihm einen absoluten Plan. Seine Organisationsform kann man immer diskutieren, aber sie folgt einem Plan“, sagt er. Das ist das Gegenteil von Skepsis. Es ist Zutrauen ohne Rausch – die seltenste Währung im deutschen Fußball dieser Wochen.
Klopp hat nach dem WM-Debakel Julian Nagelsmann beerbt, und mit dem Wechsel kam sofort das alte Muster zurück: Ein Name soll richten, was ein System verbockt hat. Sammer kennt dieses Muster, deshalb baut er vor. Klopp brauche „möglicherweise auch ein bisschen Zeit“, sagt er, und diese Zeit muss ihm jemand verschaffen. Ausgerechnet der, der ihm am meisten zutraut, spricht sie ihm zu.
Am schärfsten wird Sammer nicht dort, wo er warnt, sondern dort, wo er hofft. Seine größte Hoffnung sei, „dass diese Mannschaft uns eine Identität zurückbringt, die wir dringend brauchen“. Identität – nicht Titel, nicht Ergebnis. Wer so formuliert, hat verstanden, dass der Schaden des WM-Debakels tiefer sitzt als eine schlechte Platzierung.
Der DFB hat sich in Klopp einen Trainer geholt und ihm gleich eine Legende umgehängt, die noch kein Training geleitet hat. Sammer nimmt sie ihm wieder ab, bevor sie ihn erdrückt. Das ist kein Dämpfer, das ist ein Freundschaftsdienst.
Am Donnerstag in Amsterdam wird man sehen, wie weit die Euphorie trägt. Ein Volk, das nicht mehr laufen kann, wird die Antwort nicht mögen.