Ruud Gullit: Der unbequeme Superstar

Weltstar, Europameister, prägend – weil er in kein Schema passte. Ruud Gullit verstand Freiheit nicht als Gegenpol zur Ordnung, sondern als ihr entscheidendes Element.

Ruud Gullit: Der unbequeme Superstar
Foto: Imago / Buzzi

Als Ruud Gullit im Dezember 1987 in Paris den Ballon d’Or entgegennimmt, ist alles angerichtet für einen jener Abende, an denen sich der Fußball selbst feiert. Dunkle Anzüge, Blitzlichter, das Who’s Who des europäischen Spiels.

Der Goldene Ball steht für Dominanz, für die Bestätigung, ganz oben angekommen zu sein. Für den Höhepunkt individuellen Ruhms. Doch Gullit entscheidet sich, diesen Moment nicht so zu nutzen wie alle anderen. Nicht für sich.

Er widmet den Preis Nelson Mandela – einem politischen Gefangenen, der seit mehr als 25 Jahren in südafrikanischer Haft sitzt. Eine politische Botschaft auf einer Bühne, die dafür eigentlich nicht vorgesehen ist. Ungewöhnlich für die Zeit. Und bezeichnend für Gullit.

Freiheit vor Funktion

Gullit passt in kein Schema. Nicht neben dem Platz - und schon gar nicht auf dem Platz. Er nimmt sich die Freiheit selbst zu entscheiden, wo und wann er Einfluss nimmt. Er denkt Fußball nicht in Positionen, sondern in Momenten, Situationen. 

Wenn er sich fallen lässt, dann nicht, um Verantwortung abzugeben, sondern um sie zu übernehmen. Wenn er nach vorne stößt, dann nicht, weil es sein Auftrag ist, sondern weil er erkennt, dass dort gerade etwas entschieden wird. Er bewegt sich nicht, weil ein System es verlangt – sondern weil das Spiel es fordert.

Das macht ihn vielseitig verwendbar und erklärt, warum er im Laufe seiner Karriere außer Torhüter fast alle Positionen gespielt hat. Nie als Notlösung, nie als Lückenfüller.

Gegen die Klischees

Gullit wächst in Amsterdam als Sohn einer niederländischen Mutter und eines Vaters aus Suriname auf. Wegen seiner Hautfarbe, seiner Dreadlocks, wird er mit Vorurteilen, Stereotypen belegt. Auf seinen Körper reduziert, auf Kraft, Athletik, Körper. 

Gullit widerspricht diesen Klischees nicht mit Worten, sondern mit Spiel. Er ist kraftvoll, ja – aber ebenso technisch. Führungsstark, ohne grob zu werden. So, wie es ihm Johan Cruyff geraten hat: Mitspieler besser machen, Verantwortung teilen, Räume schaffen. Gullit übernimmt diesen Gedanken – und macht ihn zu seinem eigenen.

Ordnung und Freiheit

Dass ausgerechnet Gullit bei Milan unter Arrigo Sacchi zur Schlüsselfigur wird, wirkt zunächst widersprüchlich. Sacchi steht für Disziplin, einen streng organisierten Fußball: feste Abläufe, klare Zonen, wenig Improvisation. 

Doch Sacchi erkennt, dass Gullits Freiheitsdrang kein Gegenentwurf zu seiner Ordnung sein muss, sondern Teil von ihr werden kann. Er schafft einen streng organisierten Rahmen - und überlässt Gullit darin Verantwortung. Keine starre Position, sondern die Aufgabe, das Spiel zu lesen und dort einzugreifen, wo es entschieden wird.

Mit Gullit als Schlüsselfigur dominiert Milan über Jahre Europa. Und die Niederlande werden 1988 erstmals Europameister.

Wo Freiheit endet

Doch dann setzen das Alter, ein zunehmend verletzungsanfälliger Körper und der Wechsel auf der Trainerbank Gullits Freiheit Grenzen. Auf Arrigo Sacchi folgt bei Milan Fabio Capello, der stärker auf Kontrolle und Absicherung setzt. Im Dezember 1992 sortiert er Gullit aus. Vor einem Ligaspiel teilt er ihm mit, dass er nicht im Kader steht und schickt ihn aus dem Mannschaftsbus. 

Gullit verlässt Milan. Über Sampdoria führt sein Weg zum FC Chelsea. Dort findet Gullit noch einmal Raum. Die Premier League ist weniger taktisch verengt, weniger hierarchisch als die Serie A. Gullit wird Spielertrainer. Er führt, indem er zeigt, was er erwartet. Über Vertrauen statt Kontrolle. 1997 gewinnt Chelsea den FA Cup. Gullit ist der erste schwarze Trainer, der einen großen Titel im englischen Fußball holt. Er macht kein großes Thema daraus. Es passt zu ihm.