Rummenigges Warnung passt nicht mehr zu diesen Rekord-Bayern
105 Tore in 29 Spielen, ein Trainer mit klarer Vision – und trotzdem mahnt Rummenigge zur Demut. Irgendwann wird Vorsicht zur Fessel.
105 Tore in 29 Bundesligaspielen. Das ist kein Argument – das ist eine Ansage. Und genau in diesen Rekord hinein warnt Karl-Heinz Rummenigge vor einem „kleinen Hype", der ihm „ehrlich gesagt nicht gefällt". Der Mann, der im Aufsichtsrat sitzt, aber sportlich längst keine operative Rolle mehr hat, greift zum schärfsten Werkzeug der Bayern-Rhetorik: der Erinnerung an 2014, als München nach einem 0:1 in Madrid zuhause 0:4 unterging. Der Reflex ist nachvollziehbar. Die Analyse dahinter ist es nicht.
Rummenigge sagt: „Wir müssen noch einmal eine absolute Top-Leistung abrufen. Hochkonzentriert, sehr klug spielen." Wer wollte da widersprechen? In der Champions League reicht eine gute Halbzeit nie. Das 2:1 aus dem Hinspiel in Madrid wäre mit einem 0:1 im Rückspiel am Mittwoch daheim schnell zu egalisieren. Und natürlich hat Real Madrid die Fähigkeit, in der Allianz Arena zuzuschlagen – die Geschichte gibt Rummenigge in diesem Punkt recht. Doch der Ton seiner Warnung verrät etwas anderes: eine Grundangst, die aus einer Zeit stammt, als Bayern regelmäßig in den K.o.-Runden an sich selbst scheiterte. An der eigenen Verkrampfung, am eigenen Respekt vor dem großen Namen.
Diese Mannschaft ist eine andere. 105 Saisontore nach 29 Spieltagen – der alte Rekord von 101 Treffern aus der Saison 1971/72, aufgestellt unter Udo Lattek, hielt 54 Jahre. Jamal Musiala stellte ihn per Kopfball ein, Leon Goretzka brach ihn in der 53. Minute. Fünf Spieltage sind noch übrig. Und das Entscheidende: Kompany rotierte gegen St. Pauli auf sieben Positionen, schonte Harry Kane nach dem 2:1 im Bernabéu – und gewann 5:0. Das ist keine Mannschaft, die einen guten Lauf hat. Das ist eine Mannschaft mit System und Tiefe.
Im Bernabéu traf Luis Díaz in der 41. Minute zum 1:0, Kane erhöhte 20 Sekunden nach Wiederanpfiff auf 2:0. Mbappé verkürzte zwar in der 74. Minute, aber Bayern kontrollierte dieses Spiel über weite Strecken – oder, wie Rummenigge selbst zugibt: „Fußball vom Feinsten." Wer einem Team nach solch einem Auftritt öffentlich die Euphorie austreiben will, muss aufpassen, dass aus Demut nicht Selbstblockade wird. Vincent Kompany hat in 100 Spielen als Bayern-Trainer 76 Siege geholt, bei einem Torverhältnis von 302:101. Sein Vertrag läuft bis 2029. Das hier ist kein Strohfeuer.
Rummenigge hat natürlich einen Punkt, wenn er sagt: „Die Champions League in der heutigen Form, mit dieser Dichte und Qualität, zu gewinnen, wird immer schwieriger." Das stimmt – und es stimmt für alle. Für Liverpool, für Paris, für Real. Aber genau deshalb ist der Verweis auf 2014 so irreführend: Jenes Bayern war ein Team am Ende eines Zyklus. Dieses Bayern steht am Anfang eines neuen, zwölf Punkte vor Dortmund, auf dem Weg zur vorzeitigen Meisterschaft, geführt von einem Trainer, der mit 40 Jahren eine Klarheit ausstrahlt, die dem Klub lange fehlte.
Warnung als Ritual, Demut als Reflex – das ist die alte Bayern-Schule. Aber irgendwann wird Vorsicht zur Fessel. Und 105 Tore sind das Gegenteil von fragil.