Real Madrid bleibt, was es immer war: Ein Ort, wo Trainer verschlissen werden

Xabi Alonsos Entlassung bei den Königlichen sorgt international für Diskussionen

Real Madrid bleibt, was es immer war: Ein Ort, wo Trainer verschlissen werden
IMAGO/Alberto Gardin

Die Ungeduld hat gesiegt. Nach 232 Tagen ist Xabi Alonsos Experiment bei Real Madrid beendet, und die Art, wie dieser Abschied inszeniert wird, sagt mehr über den Klub aus als über den Trainer.

Eine Clásico-Niederlage im Supercup, 2:3 gegen Barcelona, und schon fällt der Vorhang. Dass Real zuvor fünf Siege in Folge eingefahren hatte, spielte offenbar keine Rolle mehr.

Die Vereinsmitteilung spricht von "gegenseitigem Einvernehmen". Doch die spanischen Medien zeichnen ein anderes Bild: Die Klubführung habe Alonso nahegelegt, dass eine Trennung das Beste sei.

Xabi Alonso verstand die Botschaft.

Was bleibt von diesem kurzen Kapitel? Der Vorwurf, Alonso habe sein Rock'n'Roll-Versprechen nicht eingehalten. Dem Team habe es an Elan und Energie gefehlt, heißt es.

Gleichzeitig werfen Kommentatoren den Verantwortlichen vor, eine goldene Chance leichtfertig vergeben zu haben. Beides kann stimmen, und genau darin liegt das Problem.

Alonso erfüllte Real Madrids Wunschträume nicht

Alonso kam mit dem Nimbus des Wundertrainers nach Madrid. In Leverkusen hatte er eine Mannschaft zum Double geführt, einen Spielstil etabliert, der europaweit Bewunderung fand.

Die Erwartung war, dass er diesen Ansatz einfach nach Madrid verpflanzen würde. Doch Fußball funktioniert nicht wie ein Softwareupdate. Andere Spieler, andere Hierarchien, andere Egos.

Die Berichte über ein angespanntes Verhältnis zu Teilen der Mannschaft deuten darauf hin, dass Alonso nie die volle Kontrolle über seine Kabine hatte.

Aber wer trägt dafür die Verantwortung? Ein Trainer braucht Zeit, um seine Ideen zu implementieren. Er braucht Rückendeckung, wenn die ersten Stürme aufziehen.

Bei Real Madrid ist beides Mangelware. Der Klub hat eine Geschichte von Trainerentlassungen, die selbst für die Branche ungewöhnlich ist. Wer hier antritt, weiß, dass er auf einem Schleudersitz Platz nimmt.

"Qualvolle Zeit für fast alle Beteiligten"

Die spanische Presse nennt Alonsos Amtszeit eine "qualvolle Zeit für fast alle Beteiligten". Das mag stimmen. Die Frage ist, ob ein anderer Trainer unter denselben Bedingungen erfolgreicher gewesen wäre.

Álvaro Arbeloa übernimmt nun, der bisherige Coach der zweiten Mannschaft. Am Dienstag wird er vorgestellt, einen Tag später steht das Pokalspiel beim Zweitligisten Albacete an. Der Druck beginnt sofort.

Für Alonso öffnen sich derweil neue Türen. Manchester United sucht, Manchester City könnte im Sommer interessant werden, sollte Guardiola gehen. Und Liverpool wird als mögliche Rückkehrstation gehandelt.

Der 44-Jährige wird nicht lange ohne Job bleiben. Real Madrid hingegen bleibt, was es immer war: ein Ort, an dem Trainer verschlissen werden.

Seit Jupp Heynckes 1998 die Champions League gewann und trotzdem gehen musste, ist bei Real Madrid ein Muster entstanden, das sich bis heute hält. Titel schützen nicht. Verdienste auch nicht. Wer Trainer ist, ist immer nur auf Zeit.

Es fing nicht bei Jupp Heynckes an

Nach Heynckes kam José Antonio Camacho. Ein Mann aus dem Klub, ein Madridista. Er hielt keine drei Monate. Rücktritt im September 1998. Zu viel Chaos, zu wenig Geduld.

Guus Hiddink übernahm, gewann den Weltpokal – und wurde im Februar 1999 entlassen. Der Pokal war egal. Die Liga war wichtiger. Und selbst dort reichte Platz vier nicht.

John Toshack durfte zweimal ran. 1999/2000 führte er Real zur Meisterschaft, 2001 war trotzdem Schluss. Sein Vergehen: zu wenig Glanz für die Galácticos.

Dann Vicente del Bosque. Zwei Champions-League-Titel, zwei Meisterschaften, Ruhe im Klub. 2003 war er weg. Offiziell: „Neuer Impuls“. In Wahrheit: zu leise, zu wenig Star-Faktor.

Carlos Queiroz folgte. Ein Jahr. Platz vier. Entlassen. José Antonio Camacho kam zurück. Wieder nur Wochen. Rücktritt 2004. Déjà-vu.

Mariano García Remón überbrückte. Übergangstrainer. Verschlissen, bevor er überhaupt begonnen hatte. Vanderlei Luxemburgo hielt etwas länger. Bis Dezember 2005. Kein Titel, kein Vertrauen.

Juan Ramón López Caro durfte den Rest der Saison machen. Ohne Perspektive. Dann Fabio Capello. Meister 2007. Und trotzdem entlassen. Zu defensiv. Zu wenig Spektakel. Titel reichten nicht.

Bernd Schuster holte 2008 die Meisterschaft. Im Dezember desselben Jahres war er weg. Begründung: fehlender Glaube an die Mannschaft.

Juande Ramos kam, gewann acht Spiele in Serie – und ging nach einem halben Jahr. 2:6 im Clásico reichte. Manuel Pellegrini scheiterte 2010 trotz 96 Liga-Punkten. Keine Titel, kein Kredit.

José Mourinho brachte Macht, Konflikt, eine Meisterschaft mit 100 Punkten. 2013 war Schluss. Zu viel verbrannte Erde.

Auch Ancelotti fand keinen Schutz bei Real Madrid

Carlo Ancelotti gewann 2014 die Décima. 2015 wurde er entlassen. Eine titellose Saison genügte. Rafael Benítez hielt ein halbes Jahr. Kabine verloren. Weg.

Dann Zinedine Zidane. Drei Champions-League-Titel in Serie. Eine Ausnahme. Und selbst er ging zweimal freiwillig, bevor das System ihn zermürbte.

Julen Lopetegui überlebte keine vier Monate. Ein verlorener Clásico, das war’s. Santiago Solari wurde Übergangslösung. Und blieb genau das. Zidane kam zurück, gewann noch einmal die Liga. Und ging wieder.

Carlo Ancelotti kehrte zurück, gewann erneut Champions League und Meisterschaft. Und auch er weiß: Das schützt nur auf Zeit. Jetzt Xabi Alonso. 232 Tage. Ein weiteres Kapitel in einer langen Liste.

Seit 1998 hat Real Madrid mehr als 20 Trainer verschlissen. Der Klub nennt es Anspruch. Ich nenne es ein System, das Trainer als Verbrauchsmaterial betrachtet.

Die unbequeme Frage bleibt: Wenn selbst Erfolg keine Sicherheit bietet – wer glaubt dann noch ernsthaft, dass bei Real Madrid ein langfristiger Plan existiert?