Rauswurf mit 17: Mario Baslers Vater verzieh keine Lüge
Ein Geburtstag, ein Weinfest, eine Oma, die ihn wegschickt: Die Strafe von damals erklärt, warum der einst geniale Rechtsaußen heute als Experte redet, wie er redet.
Die Tasche packte Mario Basler absichtlich langsam. Er war 17, A-Jugendspieler beim 1. FC Kaiserslautern, und er rechnete fest damit, dass die Zimmertür gleich wieder aufgeht und sein Vater sagt, das sei nur Spaß gewesen. Die Tür blieb zu. Als die Tasche fertig war, stand der Vater im Flur und sagte nur: „Wünsch dir gute Reise.“
So erzählt es Basler im Legenden-Podcast „Wie war das damals?“ des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund, vor Publikum, bei Pit Gottschalk und Christian Pfennig. Verdient hatte er sich den Rauswurf mit einer durchfeierten Nacht und, schwerer wiegend, mit seiner Antwort danach. „Mein Vater hasste Lügen“, sagt Basler. Wer verstehen will, warum der Mann bis heute jedem Sender sagt, was er denkt, muss bei diesem Abend in Neustadt an der Weinstraße anfangen.
Die Eltern waren übers Wochenende auf den Campingplatz gefahren, am Sonntagmorgen stand ein Spiel der A-Jugend an, und der Vater hatte klare Ansage gemacht: Freitag und Samstag geht es nicht raus. Dann feierte ein Kumpel Geburtstag. Aus der einen Stunde, die sich Basler um 22 Uhr genehmigte, wurden sechs, um vier Uhr morgens war er zu Hause, und sein Bruder fuhr ihn mit dem Moped nach Kaiserslautern. Nach 37 Minuten war das Spiel für ihn vorbei. Es war nach eigener Aussage das einzige Mal in seiner Karriere, dass er vor der Halbzeit vom Platz musste. Ein einschneidendes Erlebnis.
Am Sonntagabend beim Essen fragte der Vater, wie das Spiel gewesen sei. Gut, sagte der Sohn. Schon die Frage hätte ihn warnen müssen, sagt Basler heute, denn der Vater wusste längst Bescheid. Er arbeitete für Bilfinger Berger oft monatelang im Ausland, in Libyen etwa, und wusste nach zwei Tagen zu Hause trotzdem alles, was in Neustadt passiert war.
Die Oma, zu der Basler mit der Tasche lief, ließ ihn nicht herein, der Vater hatte schon angerufen. Also zog er mit seinem Freund Klaus auf das Weinfest in Weidenthal, und irgendwann kam der Vater mit der Mutter ins Zelt. Basler verschwand unter dem Tisch. „Ich frag dich jetzt noch genau einmal“, sagte der Vater zu Klaus. Klaus verriet ihn.
Am Tisch zu Hause fiel dann der Satz, um den sich die ganze Geschichte dreht. Schlecht spielen sei nicht schlimm, ausgewechselt werden auch nicht. „Schlimm ist nur, dass du Samstagabend saufen warst, obwohl du mir das versprochen hast.“ Und: „Du hast mich angelogen.“ Genau deshalb habe er ihn weggeschickt.
Hart ist das, und ein Teenager, den der eigene Vater nachts vor die Tür setzt, kann daran auch zerbrechen. Basler erzählt das Gegenteil. Der Vater holte ihn von der Arbeit ab und fuhr ihn zum Training, er nahm Urlaub, um ihn zu Turnieren zu bringen, er war „nicht nur Papa, sondern auch bester Freund“. Kam Basler später aus Bremen oder München übers Wochenende heim, ging es mit ihm zuerst auf ein Bier in die Kneipe, bis zum Tod des Vaters 2006.
Samstags ist Basler danach nie mehr weggegangen, wenn er allein zu Hause war, sagt er. Mit dem Trinken selbst hat er es später weniger genau genommen. Vor dem Champions-League-Finale 1999 saß er an der Hotelbar, und im Spiel gegen Manchester United war er nach eigenem Urteil „der beste Mann“. Die Begründung dafür hat er vom Vater: „Wer saufen kann, kann auch arbeiten.“
Verboten war im Hause Basler also nie das Bier, verboten war die Ausrede. Das erklärt den Experten, der von sich sagt, er sei „nicht dafür da, um den Leuten nach dem Mund zu reden“, und der dafür Morddrohungen im Netz in Kauf nimmt. Er darf danebenliegen, er darf anecken, er darf sich unbeliebt machen. Lügen darf er nicht.