Oldies but Goldies: Ältere Mitglieder stärken das Vereinsleben
Zusammenhalt und Engagement: Wie ältere Generationen im Fußballverein Gemeinschaft leben und warum das heute aktueller denn je ist, erklärt Gerd Thomas
Die VAR wurde kürzlich 100 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch! Die VAR? Müsste es nicht der heißen und ist erst 2017 eingeführt worden? Nein, gemeint ist hier nicht der hochemotional diskutierte „Video Assistant Referee“ im Profifußball. Vielmehr steht VAR für die Traditionsgemeinschaft des Fußballsports Berlin e. V. – „Vereinigung Alter Rasensportler“.
In ihr sind mittlerweile über 500 Menschen organisiert, darunter mehr als 200 Frauen. Die älteste Zeitzeugin, Lu Pfannenschmidt von Viktoria 89, ist sogar noch zwei Jahre älter als die VAR selbst und hatte mehrfach Grund zur Sorge, ihren Verein zu überleben.
Ziel der Gründung war es, älteren Sportlerinnen und Sportlern eine neue Heimat zu bieten. Die Leitidee: sportliche Tradition bewahren, Kameradschaft pflegen und sich gegenseitig unterstützen – sei es im Alter, bei Krankheit oder in Notlagen. Was zunächst etwas altmodisch klingt, wirkt in Zeiten schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalts erstaunlich aktuell.
Etliche Clubs pflegen Runden ehemaliger Sportlerinnen und Sportler.
Manchmal stoßen auch Menschen hinzu, die früher mit dem Verein gar nichts zu tun hatten, sich aber in den Runden wohlfühlen und Geborgenheit spüren. Keineswegs wird immer in nostalgisch in alten Erinnerungen geschwelgt. Mein Schwiegervater gründete 2005 mit einigen Mitstreitern die „Alten Germanen“ im Sportverein SpVgg Germania Ebing, Landkreis Bamberg.
Alle zwei Wochen traf man sich abwechselnd in einem der beiden verbliebenen Dorfgasthäuser, um in trauter Runde zu reden, aber auch um zu singen. Alle hatten ein Liederbuch. Und solange es körperlich ging, brachte man sich beim Zeltaufbau der verschiedenen Dorffeste ein. Ein Großteil war in den 80er-Jahren wesentlich beim Aufbau des Sportlerheims beteiligt.
So viel Eigeninitiative würde bei den Verantwortlichen der berühmt-berüchtigten Berliner Verwaltung einen Herzstillstand auslösen.
Beim dortigen FC Internationale existiert mit dem „Club Voltaire“ ein ganz anderes Format. Ins Leben gerufen wurde er von Hans-Joachim „Jimmy“ Neyer, in dessen Wohnung unweit des Schöneberger Rathauses einst der Verein gegründet wurde. Man trifft sich monatlich zu Vorträgen und Gesprächen über Themen, die weit über den Sport hinausgehen: von Rente über Wilhelm Busch bis zur internationalen Politik oder der DDR-Musikgeschichte. Im Sommer ergänzen Fahrradtouren und Stadtführungen das Programm.
Auch sportlich bleibt man aktiv. Montags trifft man sich zum Boule am Rathaus, donnerstags steht auf dem Sportplatz der Seniorensport an. Zwar lässt sich die Ü70-Mannschaft – in Berlin wird in dieser Altersklasse sogar ein Meister ermittelt – aufgrund von Verletzungen nicht mehr komplettieren, doch der Nachwuchs rückt nach. Für zwei Ü60-Teams reicht es allemal – inklusive Spieler, deren Alter bereits mit einer Sieben beginnt.
Viele Klubs haben eine andere Verwendung für ihre älteren Semester.
Sie dienen als Spender, und unterstützen mit Fördervereinen und Sponsorenwänden die Jugend. Gleichzeitig dienen sie mit über lange Jahre aufgebauten Kontakten zu Politik, Verbänden oder Unternehmen. Erste Clubs haben auch schon Vorstöße in Sachen Erbschaftsmarketing gemacht, ein Thema, das durchaus Zukunft hat.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Auch wenn der Fokus im Fußball oft auf den Jüngeren liegt – ein lebendiger Verein funktioniert am besten, wenn alle Generationen eingebunden sind.