Norwegens Vorstoß zwingt die FIFA zur Antwort: Gilt der Ethikkodex auch für Infantino?

Der Trump-Preis war keine Ehrung, sondern eine Privatentscheidung. Jetzt muss die FIFA-Ethikkommission zeigen, ob ihre Regeln nach oben hin gelten.

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Norwegens Vorstoß zwingt die FIFA zur Antwort: Gilt der Ethikkodex auch für Infantino?
IMAGO/ABACAPRESS

Am 5. Dezember 2025, im Kennedy Center in Washington, hält Gianni Infantino eine Trophäe in die Höhe, die es vorher nicht gab: den Ein FIFA-Friedenspreis. Der Empfänger: Donald Trump, US-Präsident. Jury: unbekannt. Kongressbeschluss: keiner. Und laut The Athletic waren nicht einmal die eigenen Vorstandskollegen vorab informiert.

Wenn der engste Machtzirkel eines Weltverbands aus der Zeitung erfährt, was sein Präsident im Namen des Weltfußballs verleiht, ist das mehr als ein Stilbruch.

Genau hier setzt Lise Klaveness an. Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands, seit März 2022 im Amt und im März 2025 wiedergewählt, hat am Montag bestätigt, was man so offen selten hört: "Wir sind der Ansicht, dass wir dies unterstützen werden, und wir werden ein Schreiben an die FIFA senden und die Ethikkommission bitten, diese Beschwerde zu prüfen." Der Satz klingt bürokratisch. Er ist es nicht. Er ist der seltene Versuch eines nationalen Verbands, den mächtigsten Mann des Weltfußballs an sein eigenes Regelwerk zu erinnern.

Das Regelwerk heißt Artikel 15 des FIFA-Ethikkodex. Er verlangt von allen Funktionären politische Neutralität gegenüber Behörden, Organisationen und politischen Gruppierungen. Bei Verstößen sieht er Geldstrafen vor – und Sperren von bis zu zwei Jahren. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare hat kurz nach der Auslosung auf genau diesen Artikel gezeigt. Die Norweger zeigen jetzt mit.

Klaveness’ Begründung ist dabei bemerkenswert nüchtern. Der Preis habe "keine Verankerung im FIFA-Kongress", "keine Legitimität" und liege "eindeutig außerhalb des Mandats der FIFA". Das ist kein moralischer Aufschrei, das ist eine Verfahrensrüge. Ein neu erfundener politischer Preis, verliehen an einen amtierenden US-Präsidenten, im Rahmen der Auslosung für eine WM, die 2026 zu erheblichen Teilen in eben diesem Land stattfindet: Neutralität sieht anders aus.

Dass die anderen Vorstandsmitglieder überrascht wurden, ist in diesem Zusammenhang kein Randdetail, sondern das Hauptargument. Denn wer für Trump einen Preis erfindet, ohne den eigenen Vorstand einzuweihen, hat nicht nur Artikel 15 ein Problem bereitet, sondern auch den Governance-Regeln des eigenen Hauses. Genau deshalb ist der norwegische Schritt mehr als PR. Er zwingt die FIFA-Ethikkommission zu einer Antwort, die sie sich lieber gespart hätte: Gilt der Kodex auch für den Präsidenten?

Man muss sich das Setting vergegenwärtigen. Infantino ist seit Februar 2016 im Amt, 2023 für eine weitere Amtszeit bis 2027 wiedergewählt. Er ist nicht irgendein Funktionär, er ist das System. Eine Ethikkommission, die ihn ernsthaft prüft, prüft sich selbst. Eine, die ablehnt, liefert den Beweis, den Klaveness mit ihrem Schreiben implizit anfordert: dass der Kodex nach oben hin weich wird.

Die Gegenseite wird argumentieren, ein Friedenspreis sei ein diplomatisches Geschenk, kein politisches Bekenntnis. Nur: Wer die Jury nicht nennt, den Kongress umgeht und den eigenen Vorstand überrumpelt, gibt diese Deutung selbst aus der Hand. Ein Preis ohne Gremium ist keine Ehrung. Er ist eine Privatentscheidung im Namen von 211 Mitgliedsverbänden.

Dass ausgerechnet Norwegen vorangeht – ein Verband, der schon 2022 zur WM in Katar unbequeme Fragen gestellt hat – passt zur Biografie von Klaveness, Juristin und ehemalige Nationalspielerin. Unbequem zu sein, ist in der FIFA-Welt selten karrierefördernd. Sie tut es trotzdem.