Mit Alex Popps Abgang verliert der VfL Wolfsburg mehr als einen großen Namen
Alexandra Popp wechselt im Sommer zum BVB. Wer gibt dem Frauenfußball danach eine Identifikationsfigur, die über Fans hinaus wirkt?
Vier Paraden im Elfmeterschießen, null Tore nach 120 Minuten, eine Spielerin auf der Tribüne in Tränen: Das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen Carl Zeiss Jena und dem VfL Wolfsburg war kein großes Fußballspiel. Aber es war ein Moment, der sichtbar machte, was der deutsche Frauenfußball gerade verliert – und worauf er keine Antwort hat. Alexandra Popp stand nicht auf dem Platz. Eine muskuläre Verletzung bremst die Stürmerin seit Wochen aus, das Champions-League-Viertelfinale gegen Lyon hatte sie schon verpasst. Trotzdem drehte sich nach dem Elfmeter-Krimi (5:4) alles um sie. Torhüterin Stina Johannes, die eigentliche Matchwinnerin, widmete ihre Paraden ausdrücklich der Abwesenden: „Für sie mussten wir das klarmachen." Nicht für den Verein, nicht für den Pokal – für Poppi. Wenn eine Mannschaft ihre größten Momente einer Spielerin zuschreibt, die gar nicht mitgespielt hat, dann sagt das weniger über Sentimentalität als über eine Leerstelle, die sich schon jetzt auftut. 14 Jahre VfL Wolfsburg, 12 Tore und 4 Assists allein in dieser Bundesliga-Saison, dazu eine Karriere als DFB-Kapitänin: Popp ist nicht einfach eine gute Spielerin. Sie ist die letzte Spielerin im deutschen Frauenfußball, bei der Gesicht, Geschichte und Verein zu einer Marke verschmolzen sind. Im Sommer wechselt sie zu Borussia Dortmund – und mit ihr geht Ralf Kellermann, bislang Direktor Frauenfußball in Wolfsburg, als neuer Sportdirektor zum BVB. Der Exodus ist kein Zufall: Er markiert das Ende einer Ära, die Wolfsburg zur Adresse im europäischen Frauenfußball gemacht hat. Natürlich kann man einwenden, dass der Frauenfußball in Deutschland nicht von einer Einzelnen abhängt. Dass Bayern München mit 49 Punkten aus 17 Spielen die Liga dominiert, dass das Champions-League-Halbfinale gegen Barcelona wartet, dass der Sport professioneller ist als je zuvor. Stimmt alles. Nur löst Professionalität nicht das Problem der Sichtbarkeit. Bayern hat eine Mannschaft. Popp war ein Narrativ – die Stürmerin, die nach dem verpassten EM-Finale 2022 weitermachte, die sich in der Nationalmannschaft immer wieder zurückkämpfte, die mit 34 Jahren noch zweistellig trifft. Wer übernimmt das? Jena-Trainer Florian Kästner brachte es nach dem Halbfinale auf den Punkt: „Wir waren ein Schuss vom Finale entfernt." Sein Tabellenletzte hatte 120 Minuten gegen Wolfsburg gehalten. Das sagt auch etwas über den Zustand des VfL – eine Mannschaft, die nach dem kräftezehrenden 1:4 in Lyon bei einem Zweitligisten der Herzen nur mit Mühe überlebt. Das Pokalfinale am 14. Mai in Köln könnte Popps letzter großer Auftritt im Wolfsburger Trikot werden. „Wir hoffen, dass es bis zum Pokalfinale reicht", sagte sie selbst bei Sky. Der Konjunktiv in diesem Satz ist das eigentliche Drama. Denn Popp kämpft nicht nur gegen eine Verletzung, sondern gegen die Uhr einer Sportart, die Identifikationsfiguren braucht, um über den Kernfan hinaus zu wirken. Johannes ist 26, eine herausragende Torhüterin – aber eine Keeperin füllt keine Titelseiten. Der Frauenfußball in Deutschland steht vor fünf Spieltagen, einem Pokalfinale und einer großen Frage: Wer gibt ihm nach Popp ein Gesicht, das auch jene erreicht, die nicht ohnehin schon zuschauen?