Meistertitel mit Bayern war Pflicht – Kompanys wahre Prüfung beginnt jetzt erst

Bayern feiert den 35. Titel, doch die Lobhudelei wirkt wie Selbstversicherung. Pokal und Champions League entscheiden über Kompanys Wert.

Meistertitel mit Bayern war Pflicht – Kompanys wahre Prüfung beginnt jetzt erst
IMAGO/Eibner

Herbert Hainer sprach am Sonntagabend vom „Sechser im Lotto". Ein Vereinspräsident, der seinen Trainer nach dem 35. Meistertitel mit einem Glücksspielgewinn vergleicht – als hätte der FC Bayern nicht 600 Millionen Euro mehr Umsatz als der nächste Bundesliga-Verfolger, sondern einen Tippschein an der Tankstelle ausgefüllt. Die Formulierung verrät weniger über Vincent Kompany als über das Bedürfnis eines Klubs, sich selbst zu erzählen, dass dieser Titel etwas Besonderes war.

War er das? 79 Punkte nach 30 Spieltagen, eine einzige Saisonniederlage, 62 Spieltage in Folge Tabellenführer: Das sind beeindruckende Zahlen. Aber es sind Zahlen, die in einer Liga entstanden sind, in der kein Konkurrent die Mittel hat, über eine ganze Saison dagegenzuhalten. Stuttgart, der Gegner beim entscheidenden 4:2, liegt 23 Punkte hinter den Münchnern. Kompanys zweite Meisterschaft in Folge ist ein Leistungsnachweis – und zugleich das Minimum dessen, was dieser Kader liefern muss. Beides gleichzeitig auszusprechen, scheint in München gerade unmöglich.

Vorstand Jan-Christian Dreesen nennt Kompanys Arbeit „außergewöhnlich", Hainer lobt die „Ruhe" und den „Enthusiasmus". Selbst Bundestrainer Julian Nagelsmann adelt den Kollegen mit dem Wort „spektakulär". Gegen Stuttgart sah man tatsächlich, was Kompany dieser Mannschaft gegeben hat: Jamal Musiala leitete mit einem Solo den Ausgleich durch Guerreiro ein, Sekunden später folgte das 2:1 durch Jackson, dann Davies mit dem 3:1 – drei Tore in sechs Minuten, getragen von Tempo und Spielfreude. Das ist kein Zufall, das ist Trainerarbeit. Doch eine Mannschaft, die Chris Führich in der 21. Minute per Steilpass düpiert, ist eben auch verwundbar. Der Schlussakkord durch Chema Andrés in der 88. Minute unterstrich das.

Kompany hat den Vertrag bis 2029 verlängert, der Verein hat sich langfristig an ihn gebunden. Die Euphorie sitzt tief. Nur: Die Bewährungsprobe beginnt erst jetzt. Am Mittwoch Pokal-Halbfinale in Leverkusen, am 28. April Champions-League-Halbfinale gegen Paris Saint-Germain, Rückspiel am 6. Mai. Drei Spiele in zehn Tagen, in denen Kompany gegen Gegner auf Augenhöhe beweisen muss, dass sein Fußball auch dann funktioniert, wenn die individuelle Überlegenheit nicht mehr reicht. Bayern war seit 2020 nicht mehr im Pokalfinale von Berlin. In der Champions League hat der Klub seit Jahren keinen Titel mehr geholt. Das sind die Maßstäbe, an denen sich ein „Sechser im Lotto" messen lassen muss.

Hainer selbst deutete die Fallhöhe an, als er sagte: „Es ist natürlich immer eine gewisse Anspannung da, wenn du in der Champions League im Halbfinale bist, da ist jeder Gegner schwer." Das stimmt. Und genau deshalb wirkt die Lobhudelei nach einem erwartbaren Meistertitel wie eine Selbstversicherung vor dem Ernstfall. Dreesen formulierte es unbewusst am ehrlichsten: „Wir haben den wichtigsten Titel gewonnen. Aber es ist more to come." Der erste Satz beschreibt die Pflicht. Der zweite die Kür. Und nur die Kür wird zeigen, ob Kompany tatsächlich ein Glücksfall ist – oder einfach der richtige Trainer für eine Liga, in der Bayern sich vor allem selbst schlagen kann.