Markus Krösches Bundesliga-Analyse hat einen blinden Fleck – er kennt ihn selbst

Der Frankfurter Sportvorstand diagnostiziert richtig, doch seine Lösung führt ins Leere. Bessere Talente ausbilden bringt nichts, wenn England sie kauft.

Markus Krösches Bundesliga-Analyse hat einen blinden Fleck – er kennt ihn selbst
IMAGO/Oliver Ruhnke

Markus Krösche sagt einen Satz, der in seiner Schlichtheit das ganze Drama des deutschen Klubfußballs zusammenfasst: „Die Rahmenbedingungen sind so, dass die besten Spieler der Bundesliga nach England wechseln." Kein Lamento, keine Verschwörungstheorie – nur eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Und genau deshalb lohnt es sich, seine Analyse ernst zu nehmen. Denn Krösche benennt das Kerndilemma ehrlich. Aber seine Lösung hat einen blinden Fleck.

Der Frankfurter Sportvorstand verteidigt im FAZ-Interview die 50+1-Regel, und das ist bemerkenswert. Nicht die deutsche Eigentümerstruktur sei das Problem, sondern das Kapital in der Premier League. Das ist eine Unterscheidung, die in der deutschen Debatte selten so klar getroffen wird. Krösche argumentiert nicht ideologisch, sondern ökonomisch: Die Bundesliga kann im Bieterwettbewerb mit englischen Klubs nicht mithalten – nicht weil sie zu demokratisch organisiert ist, sondern weil auf der anderen Seite des Kanals schlicht mehr Geld fließt. Dass er dabei auf reale Erfolge verweist, macht sein Argument stärker. Eintracht Frankfurt hat 2022 die Europa League gewonnen, Borussia Dortmund stand 2024 im Champions-League-Finale, Bayer Leverkusen 2024 im Europa-League-Endspiel. „Wir sind wettbewerbsfähig", sagt Krösche. Das stimmt – auf dem Platz.

Das klingt gut, aber: Wettbewerbsfähigkeit auf dem Platz und wirtschaftliche Haltekraft sind zwei verschiedene Dinge. Florian Wirtz, das wohl größte deutsche Talent der letzten Jahre, wechselte im Sommer 2025 zum FC Liverpool. Die Bundesliga entwickelt, England kassiert. Das ist kein Zufall, das ist System.

Und hier wird Krösches Nischenstrategie zum Problem. Er fordert, die Klubs müssten „sich mehr auf eigene Nachwuchsarbeit konzentrieren". Die Idee ist richtig – aber sie funktioniert nur unter einer Bedingung: Die Bundesliga darf nicht zur Akademie der Premier League werden. Wer bessere Talente ausbildet, aber sie dann zu Marktpreisen nach England ziehen lässt, optimiert nicht die eigene Liga, sondern die Zulieferkette für andere. Mehr Nachwuchsarbeit ohne veränderte Erlösstrukturen bedeutet: bessere Ware im Schaufenster, gleicher Abverkauf.

Seien wir ehrlich: Krösche weiß das. Er hat unter seiner Ägide Spieler wie Kolo Muani und Marmoush entwickelt und abgegeben. Er kennt den Mechanismus aus eigener Erfahrung. Die Frage ist nicht, ob die Bundesliga gute Spieler hervorbringen kann – das tut sie seit Jahren. Die Frage ist, ob sie bereit ist, die Konsequenz aus Krösches eigener Analyse zu ziehen. Mehr Eigengewächse zu entwickeln ist kein Selbstzweck. Es wird erst dann zur echten Strategie, wenn die Klubs Strukturen schaffen, die den Ausverkauf bremsen: längere Vertragslaufzeiten, höhere Ausstiegsklauseln, eine Zentralvermarktung, die den Abstand zur Premier League zumindest verkleinert.

Zur Wahrheit gehört auch: Krösche fordert Tempo am Markt – „schneller sein" –, während seine eigene Eintracht als Tabellensiebter mit 38 Punkten hinter den eigenen Erwartungen liegt und um den Europapokal zittern muss. Die Nische Nachwuchsarbeit ist kein Trost, wenn die Ergebnisse der Nische regelmäßig in der Premier League landen.

Markus Krösche hat die richtige Diagnose gestellt. Aber eine Nische, aus der man sich selbst beliefert, ist keine Nische: Das ist eine Werkbank.