Lukas Kwasniok trifft einen wunden Punkt – und nutzt ihn als Schutzschild
Der Trainer des 1. FC Köln bemängelt die negative Wahrnehmung der Bundesliga-Klubs.
Lukas Kwasniok hat einen wunden Punkt getroffen. Der Kölner Trainer nutzte die Pressekonferenz vor dem Freiburg-Spiel für eine Grundsatzkritik an der deutschen Fußballöffentlichkeit – und liegt damit nicht völlig falsch, auch wenn seine Analyse Schwächen hat.
Die These: Ab Platz zwei sei in der Wahrnehmung alles bodenlos. Leipzig, Dortmund, Leverkusen könne man abmelden, Frankfurt sei quasi schon abgestiegen. Ein zweiter Platz sei nichts mehr wert. Das klingt nach Übertreibung, enthält aber einen wahren Kern. Die Bundesliga hat ein Wahrnehmungsproblem, das über die übliche Kritikfreude hinausgeht.
Kwasniok beschreibt eine Erwartungshaltung, die sich von der sportlichen Realität entkoppelt hat. Wer nicht Bayern ist, wird an Bayern gemessen – und muss scheitern. Das ist strukturell ungerecht, weil es die unterschiedlichen Voraussetzungen ignoriert. Ein Verein wie Eintracht Frankfurt, der europäisch spielt und sich in der oberen Tabellenhälfte etabliert hat, wird bei einer Schwächephase behandelt, als stünde der Absturz unmittelbar bevor. Das verzerrt die Perspektive.
Kwasnioks Kritik greift zu kurz
Allerdings greift Kwasnioks Kritik zu kurz, wenn er sie als Schutzschild für die eigene Situation verwendet. Der 1. FC Köln liegt auf Rang zehn, sieben Punkte vor dem Relegationsrang. Für einen Aufsteiger ist das eine ordentliche Ausgangsposition, keine Frage. Aber die Berichte über Unruhe im Verein, über ein kritisches Ultra-Plakat gegen den Trainer, über eine sieglose Phase von November bis Anfang Januar – das alles ist nicht erfunden. Es ist dokumentiert.
Wenn Kwasniok sagt, die Stimmungslage sei immer völlig in Ordnung gewesen und nur zwei, drei Spieler seien unzufriedener gewesen, dann ist das eine Interpretation, die man teilen kann oder nicht. Journalisten berichten, was sie beobachten. Trainer bewerten, was sie erleben. Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Die Bundesliga leidet unter einer Dauerdiskussion, die selten konstruktiv ist. Jede Niederlage wird zur Krise, jeder Sieg zur Wende. Die Halbwertszeit von Einschätzungen beträgt manchmal nur neunzig Minuten. Das macht es schwer, Entwicklungen nüchtern zu bewerten.
Kwasniok hat recht, wenn er mehr Gelassenheit einfordert. Sechzehn Spieltage sind noch zu absolvieren, die Saison ist offen. Aber er irrt, wenn er glaubt, dass Kritik an seiner Arbeit automatisch Teil eines systematischen Negativismus ist. Manchmal ist Kritik einfach Kritik – berechtigt oder nicht, aber nicht böswillig.
Die Bundesliga braucht eine differenziertere Debattenkultur. Trainer wie Kwasniok könnten dazu beitragen, indem sie zwischen berechtigter Medienkritik und Selbstverteidigung unterscheiden. Das eine schließt das andere nicht aus, aber es hilft, wenn man die Ebenen trennt.