Lazio-Präsident Lotito treibt die Fans aus dem Stadion – und versteht es nicht
Die Curva Nord boykottiert zum vierten Mal in Folge. Ein Telefonat entlarvt, wie wenig der Klubchef von Fußball versteht.
Fünftausend Zuschauer bei einem Serie-A-Heimspiel. Das ist keine Randnotiz, das ist eine Bankrotterklärung. Wenn Lazio Rom gegen Sassuolo antritt und die Curva Nord von außen anfeuert, weil sie das Stadion boykottiert, dann ist das kein Protest mehr. Das ist ein Bruch.
Ich beobachte den italienischen Fußball seit Jahrzehnten, und was sich gerade in Rom abspielt, hat eine neue Qualität. Der vierte Stadionboykott in Folge ist kein Strohfeuer frustrierter Ultras. Es ist die konsequente Antwort auf einen Präsidenten, der offenbar nicht verstanden hat, dass ein Fußballklub mehr ist als eine Bilanz.
Claudio Lotito hat in einem ungewollt öffentlich gewordenen Telefonat einen Satz gesagt, der alles erklärt: „Dieser Verein hat nur einen Chef, und das ist Claudio Lotito. Wenn Sarri einen Spieler will, soll er ihn selbst kaufen." Dieser Satz ist keine Entgleisung. Er ist ein Programm. Lotito führt Lazio wie ein Unternehmen, in dem der Trainer ein austauschbarer Angestellter ist und sportliche Ambitionen eine Kostenstelle.
Die Fans werfen ihm seit Jahren vor, zu wenig zu investieren, die Transferpolitik zu verschlafen, den Klub sportlich auszubremsen. Und Lotito? Er kündigt ein Klärungsgespräch an, das dann an genau diesem Telefonat scheitert. Die Botschaft ist eindeutig: Der Präsident redet, aber er hört nicht zu.
Was mich an dieser Situation am meisten irritiert, ist nicht der Konflikt selbst. Solche Machtkämpfe gibt es überall. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der Lotito seinen Alleinherrschaftsanspruch formuliert. Ein Trainer soll mit dem arbeiten, was da ist, sonst ist er kein guter Trainer. Das klingt nach Sparsamkeit, ist aber in Wahrheit Verachtung für den sportlichen Ehrgeiz.
Lazio Rom ist kein Dorfverein. Der Klub hat Geschichte, hat Titel gewonnen, hat eine der leidenschaftlichsten Fankurven Europas. Und diese Kurve steht jetzt draußen, singt von der Straße aus, weil sie drinnen nicht mehr mitgetragen werden will, was ihr Präsident aus dem Verein macht.