Krösches Abschied aus Frankfurt: Rückzug vor dem Gegenwind

Der Sportvorstand lässt sich am Sonntagabend freistellen, kaum dass die Vorwürfe lauter wurden. Der Titel von 2022 deckt die Rechnung nicht mehr.

Teilen
16.10.2026, Fussball Bundesliga, Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln, v.l., Sportchef Markus Krösche (Eintracht Frankfurt) DFL DFB REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES
Foto: IMAGO/HMB-Media

Ein Vertrag, der bis zum 30. Juni 2028 läuft, und ein Mann, der nicht mehr warten will: Am Sonntagabend teilt Eintracht Frankfurt mit, dass Sportvorstand Markus Krösche auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung freigestellt ist. Der Kontrakt besteht fort, heißt es, aber „angepasst“. Ein Wort, das viel verschweigt und wenig erklärt.

Krösche geht nicht aus freien Stücken, er geht, weil es eng wurde. Seit Saisonbeginn stand der 46-Jährige in der Kritik, und die Liste der Vorwürfe las sich zuletzt wie eine Anklageschrift: die Verpflichtung von Trainer Albert Riera, die als großer Fehler galt. Das schwache Preis-Leistungs-Verhältnis des Kaders der vergangenen Saison. Ein zäher Transfersommer. Und, als hätte es der sportlichen Baustellen nicht genug gegeben, ein Immobilienkauf in Kroatien, der für Unruhe sorgte. Wer unter so vielen Linien steht, sucht sich den Ausgang irgendwann selbst.

Natürlich klingt die Erklärung des Vereins nach gegenseitigem Einvernehmen. Von „guten, offenen und vertrauensvollen Gesprächen“ zwischen Krösche und Aufsichtsratschef Mathias Beck ist die Rede, und Krösche selbst spricht von über fünf „sehr erfolgreichen, aber auch sehr fordernden Jahren“, nach denen er das Gefühl entwickelt habe, eine Veränderung zu brauchen – und der Eintracht könne „ein neuer Impuls auch helfen“. Das ist die Sprache eines Mannes, der den Zeitpunkt selbst bestimmt haben will.

Doch das Timing erzählt eine andere Geschichte. Niemand, der nach fünf Jahren in Ruhe über seine berufliche Zukunft sinniert, lässt sich an einem Sonntagabend mit sofortiger Wirkung freistellen. Wer wirklich geordnet geht, plant einen Übergang, benennt einen Nachfolger, verabschiedet sich zum Saisonende. Krösche verlässt den Verein mitten in der Spielzeit – da, wo die Kritik an ihm hängt, nicht da, wo sie verebbt ist.

Sein Startkapital in Frankfurt war beträchtlich. Krösche trat sein Amt im Sommer 2021 an, und schon 2022 gewannen die Hessen die Europa League, einen europäischen Titel, den der Klub davor Jahrzehnte nicht geholt hatte. Das war die Währung, mit der er lange bezahlen konnte. Ein Pokal deckt viel zu: einen misslungenen Transfersommer, einen Trainer, der sich als Irrtum erweist, selbst eine Immobilie an der kroatischen Küste, die mit dem Kerngeschäft des Vereins wenig zu tun hat.

Nur hält diese Deckung nicht ewig. Vier Jahre nach dem Triumph von 2022 steht nicht mehr der Titelgewinner im Raum, sondern der Sportchef, dessen jüngste Entscheidungen reihenweise hinterfragt werden. Ein Erfolg verjährt nicht formal, aber er verliert an Tragfähigkeit, je weiter die Gegenwart sich von ihm entfernt. Riera, der Kader, die Immobilie – das sind die Zeilen des Jahres 2026, und sie stehen gegen eine Zeile aus 2022.

Dass Krösche den Rückzug als eigenen Wunsch inszeniert, ist menschlich nachvollziehbar und ändert nichts an der Sache. Ein Mann mit einem Vertrag bis 2028 räumt nicht freiwillig das Feld, wenn der Rückenwind stimmt. Er räumt es, wenn der Gegenwind ihm die Luft nimmt.

So bleibt am Ende die Lesart, die der Verein mit dem Wort „angepasst“ zu überdecken versucht: Markus Krösche flieht nicht in eine neue Herausforderung, er flieht vor der Kritik, die ihm selbst gilt – und der Titel von 2022 reist nicht mit.