Kimmich im Zentrum: Ab Amsterdam gibt es keine Ausrede mehr
Klopp gibt seinem Kapitän die Lieblingsposition zurück und lässt ihm die Binde. Damit ist die bequemste Erklärung der vergangenen zwei Jahre aufgebraucht. Was am Donnerstag im deutschen Mittelfeld passiert, geht auf Kimmichs Konto.
Am Donnerstag (20.45 Uhr, RTL) geben in Amsterdam zwei Nationaltrainer gleichzeitig ihr Debüt: Jürgen Klopp für Deutschland, der Spanier Xavi Hernández für die Niederlande. Klopp hat sich vorher auf Joshua Kimmich festgelegt, im zentralen Mittelfeld und als Kapitän. Der frühere Nationalspieler Max Kruse hält dagegen, Kimmich sei „kein Leader-Spieler“.
Beide Seiten haben ein starkes Argument. Mit 114 Länderspielen ist Kimmich der erfahrenste Spieler im Kader und im Zentrum Weltklasse. Er hat aber auch die Mannschaft als Kapitän durch die WM im Sommer geführt, die schon im Sechzehntelfinale gegen Paraguay endete. Wer im Zentrum spielt, trägt die Verantwortung und kann sie nicht mehr auf die Position schieben.
Was man zu Kimmich im Zentrum wissen muss
- Die Positionsdebatte ist beendet, und zwar von oben. „Wir hatten nicht ein Gespräch, in dem wir von ihm als Rechtsverteidiger gesprochen haben“, sagte Klopp bei der Vorstellung seines ersten Kaders am 17. September in Frankfurt. Sein Vorgänger Julian Nagelsmann hatte Kimmich bei der WM rechts hinten aufgestellt und ihn erst im Laufe des Sechzehntelfinals gegen Paraguay ins Zentrum gezogen, als es fast schon zu spät war. Ab jetzt wird Kimmich an dem Platz gemessen, den er selbst immer verlangt hat.
- Die stärkste Gegenstimme: Kruse. Im Podcast „Beidfüßig“ sagte er, Führung zeige sich „nicht nur durch die Kapitänsbinde und hartes Einsteigen“. Auf die Frage, ob er im Kader einen Anführer erkenne, antwortete er: „Bis jetzt nicht.“ Kimmich trug die Binde auch bei der WM, und die Mannschaft ist trotzdem gegen Paraguay eingebrochen. Was müsste er in Amsterdam zeigen, damit Kruse falschliegt?
- Das Zentrum hat einen Preis, und er steht rechts hinten. Auf Kimmichs alter Position gilt Philipp Treu vom SC Freiburg als Startelfkandidat, 25 Jahre alt und ohne ein einziges Länderspiel; sein Konkurrent ist der Stuttgarter Josha Vagnoman. Treu trifft auf einen niederländischen Angriff mit Cody Gakpo und Crysencio Summerville. Geht das schief, kommt die Frage zurück, ob Kimmich nicht doch nach rechts gehört. Wer die Entscheidung trägt, muss auch ihren ersten schlechten Abend aushalten.
- Klopps Satz zur Binde lässt Luft. Klopp hat für die vier Nations-League-Spiele zwei getrennte Kader berufen, und Kimmich gehört nur zum ersten. Wer in den letzten beiden Spielen die Binde trägt, wisse er noch nicht: „Keine Ahnung. Irgendjemand wird die Binde tragen.“ Die offene Frage erklärt sich also aus dem Kaderwechsel. Und doch klingt der Satz nicht nach einem Kapitän, dessen Amt über jeden Zweifel erhaben ist. Ist das Kapitänsamt auf Bewährung?
- Gegenüber steht das Mittelfeld, an dem Kimmich gemessen wird. Bei den Niederländern spielen Ryan Gravenberch und Tijjani Reijnders neben Joey Veerman von Borussia Dortmund, dem Xavi eine neue Rolle als Spielgestalter geben will. Xavi ist der erste ausländische Bondscoach, wie die Niederländer ihren Nationaltrainer nennen, seit dem Österreicher Ernst Happel, der Oranje 1978 ins WM-Finale führte. Er verspricht „Passion und Intensität“. Das direkte Duell in der Mitte ist der beste Maßstab, den ein erstes Spiel hergeben kann.
- Im 4-3-3 ist Kimmich allein der Sechser. Er ist damit der einzige defensive Mittelfeldspieler, neben ihm spielen voraussichtlich der Dortmunder Felix Nmecha mit zwölf und der Münchner Jamal Musiala mit 46 Länderspielen, beide nach vorn orientiert. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus nennt Kimmich den „Quarterback“ des Klopp-Teams, also den Spielmacher, der wie im American Football den Angriff lenkt. Das heißt: Jeder Ballverlust im Aufbau und jede offene Mitte bei Kontern trägt seinen Namen.
- Klopp setzt auf die WM-Achse. Von 16 Neulingen im Gesamtaufgebot steht wohl nur Treu in der Startelf. Die Innenverteidiger Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck und Linksverteidiger Nathaniel Brown haben schon bei der WM zusammen verteidigt, Kimmich hat sie angeführt. Das ist Vertrauen in eine Hierarchie, die im Sommer gescheitert ist. Klopp gibt ihr eine zweite Chance, und Kimmich steht an ihrer Spitze.
- Die Zeitachse ist kurz. Deutschland spielt vier Nations-League-Spiele in elf Tagen: gegen die Niederlande am 24.9., gegen Griechenland am 27.9. in Augsburg, gegen Serbien am 1.10. in München und in Griechenland am 4.10. DFB-Sportdirektor Rudi Völler nennt das „sehr ungewöhnlich“. Kimmich bestreitet davon nur die ersten beiden, danach übernimmt der zweite Kader. Einen Anlauf bekommt er nicht, das Urteil fällt in vier Tagen.
- Der Vorschuss ist ungleich verteilt. Klopp kommt mit Euphorie, sogar Frankreichs Stürmerstar Kylian Mbappé nennt ihn in der „Sport Bild“ „einen der besten Trainer der letzten 20 Jahre“. Kimmich hat diesen Kredit nicht. Verliert Deutschland in Amsterdam, trifft die Kritik zuerst den Kapitän und erst danach den neuen Trainer.
- Woran misst man Führung in einem Nations-League-Spiel? An Ergebnis, Ballbesitz, Zweikämpfen? Oder daran, wie die Mannschaft nach dem ersten Gegentor reagiert? Genau darauf zielen Kruses Kritik und ein Satz von Youri Mulder, dem früheren niederländischen Nationalspieler und heutigen Direktor Profifußball beim FC Schalke 04. Bei Deutschland gehe es „vielleicht nicht so sehr um die Spielweise, sondern um den Erfolg“, sagte er der Münchner „Abendzeitung“.