Keine Frage: Nur so kann Arsenal Meister werden

Nach Wochen des Verwaltens zeigen die Gunners im Derby endlich das Gesicht eines Top-Teams: Warum das 4:1 gegen Tottenham mehr als nur ein Sieg war.

Keine Frage: Nur so kann Arsenal Meister werden
Foto: Imago / Shutterstock

Was mussten sich Fans, Spieler und Trainer des FC Arsenal seit Mittwochabend nicht alles anhören: Loser. Mental schwach. “Für immer Zweiter”.

Kein Wunder. Das 2:2 bei den Wolverhampton Wanderers war mehr als ein Ausrutscher. Es war das fünfte sieglose Spiel aus den letzten sieben Partien. Schlimmer noch: Die Art und Weise, wie ein 2:0 gegen eines der schwächsten Mannschaften der Premier-League-Historie verspielt wurde, glich einer kollektiven Kapitulation. Ängstlich, mutlos, am Ende. Der Spitzenreiter am Tiefpunkt.

Das anschließende Auswärtsspiel gegen Tottenham vergangenen Sonntag als richtungsweisend zu bezeichnen, war eine Untertreibung: Würde das Team von Mikel Arteta sich aufrichten oder in der hitzigen Derby-Stimmung endgültig implodieren? „Bottler“ nennt der Engländer jene, denen auf der Zielgeraden der Mumm fehlt. Anders als in den letzten drei Jahren schien das Etikett diesmal zu passen.

Doch Arsenal zog diesem Vorurteil den Zahn: Das 4:1 war mehr als ein Derbysieg. Die Gunners bestanden nicht nur einen Charaktertest, sondern lieferten die Blaupause für den ersten Meistertitel seit 22 Jahren.

Arsenal hat 2025/2026 keine Ausreden

Um zu verstehen, was Arsenal am Sonntag anders machte, muss man auf die bisherige Saison zurückblicken: Ein Titelkampf ohne Ausreden.

2022/2023 kam er noch zu früh, 2024/2025 erstickte eine Verletzungswelle jede Hoffnung im Keim. Jetzt aber ist der Kader reifer, tiefer und besser. Und anders als 2023/2024, als Arsenal eine fast makellose Rückrunde spielte, gibt es dieses Jahr keinen übermächtigen Gegner.

Während Liverpool sich im Sommer am Transfer-Büfett sinnlos überfraß und City ein Kaderumbruch auf den Magen zu schlagen schien, lag die Meisterschaft 2025/2026 für Arsenal auf dem Silbertablett bereit. Doch statt den Braten zu zerlegen, knabberten die Gunners 27 Spieltage lang nur unentschlossen an den Rändern – mit stumpfem Besteck und zitternden Händen.

Sieben Punkte hat Arsenal in dieser Saison nach Führung bereits verschenkt – ein Armutszeugnis, das ligaweit nur von West Ham und Crystal Palace unterboten wird. Ein Muster, kein Zufall.

Nach Führungen wechselte Arsenal immer wieder vom Gestalter zum Verwalter. Die Gunners zogen sich zurück, machten den Gegner groß und sich selbst klein. Aus Dominanz wurde Passivität, aus Spielfreude Angst. Man bat den Druck zum Tee – und wunderte sich, wenn er das Porzellan zerschlug.

Arsenal spielte nicht um den Titel zu gewinnen

Diese Spiele sind ein Mikrokosmos der gesamten Saison: Denn Arsenal trat offenbar nicht an, um den Titel zu gewinnen. Arsenal trat an, um den Titel nicht zu verlieren.

Selbst ohne Führung wurde zu oft die Handbremse gezogen, um das Glück bei Standards zu suchen oder gar auf einen Punkt zu spielen. Sicherheitsdenken statt Siegerinstinkt. Verspielt man allerdings sicher geglaubte Dreier gegen Wolves und Co., geht die Rechnung am Ende nicht auf. So wurden nicht nur die direkten Gegner, sondern auch ein zuvor strauchelndes ManCity zum Leben erweckt. Und ein einst komfortabler Vorsprung fast verspielt.

Doch wie kann es sein, dass dieses Team in der Champions League jeden Gegner, selbst den FC Bayern München, überrennt, aber in der Premier League so zaghaft agiert?

Vielleicht sind es die Narben vergangener Spielzeiten. Der Druck durch die schonungslosen Medien, die Häme der gegnerischen und die Erwartungen der eigenen Fans. Die Sehnsucht nach dem ersten Meistertitel seit 2004 ist jedenfalls so groß, dass sie einen ganzen Klub verkrampfen ließ.

Kostprobe? Ich war beim 3:0-Sieg gegen den AFC Sunderland im Stadion und stellte fest: Die Tore sorgten nicht für Freude, sondern für Erleichterung.

"To dare is to do" - Auch bei Arsenal

Gegen Tottenham fühlte sich das anders an: Arsenal kam nicht, um im Titelrennen zu bleiben. Arsenal kam, um davon zu eilen.

Zugegeben, die Spurs sind in dieser Saison nicht der Maßstab. Aber das sind die Wolves ebenfalls nicht. Und ohnehin ist der Gegner zweitrangig, wenn man sich selbst der größte Widersacher ist.

An einem Tag, an dem Manchester City vorgelegt hatte und selbst der Stadionsprecher der abstiegsbedrohten Spurs die Gunners als „höllisch nervös“ verhöhnte, antwortete der Tabellenführer mit der mutigsten und angriffslustigsten Darbietung seit Monaten.

Der Ball lief wieder mit Spielwitz und Entschlossenheit durch die Reihen, sogar die lange blassen Neuzugänge Eberechi Eze und Viktor Gyökeres blühten plötzlich auf, und das intensive Pressing schnürte dem Gegner die Luft ab. Es gab Fehler, wie Declan Rice’ Ballverlust zum 1:1, doch die Devise blieb unangetastet: Nach vorne. Nach dem Ausgleich. Aber auch nach der 2:1-Führung. Der Lohn? Tor drei. Tor vier.

Frei nach dem Vereinsmotto des verhassten Erzrivalen, “to dare is to do”, blieb Arsenal 90 Minuten lang der Aggressor und ließ trotzdem kaum etwas anbrennen: Angriff als Verteidigung.

Und genau das muss die Maxime für den Rest der Saison sein. Die Gunners werden nur Meister, wenn ihr Mut zu gewinnen größer ist als ihre Angst zu scheitern.