Kampls Abschied zeigt eine Integrität, die im Profifußball selten geworden ist

Kampl beendet seine Karriere bei RB Leipzig, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Kampls Abschied zeigt eine Integrität, die im Profifußball selten geworden ist
IMAGO/Picture Point LE

Kevin Kampl verlässt RB Leipzig zum Monatsende, Vertragsauflösung, einvernehmlich. Was nach einer nüchternen Personalie klingt, ist in Wahrheit eine der berührendsten Entscheidungen, die der deutsche Profifußball in dieser Saison erlebt. Der 35-Jährige geht einfach. Nicht weil er muss, nicht weil er nicht mehr kann, sondern weil das Leben ihm eine Lektion erteilt hat, die kein Trainer, kein Sportdirektor und kein Vertrag vermitteln kann: Zeit ist endlich.

Im Oktober starb Kampls Bruder Seki überraschend im Alter von 51 Jahren. Sein Vater ist gesundheitlich angeschlagen. Der Mittelfeldspieler zieht die einzig logische Konsequenz: Er geht nach Hause.

Man muss sich das vergegenwärtigen. Hier ist ein Spieler, der 283 Pflichtspiele für Leipzig absolviert hat. Zweimal DFB-Pokalsieger, Supercup-Gewinner, Champions-League-Halbfinalist. Einer, der diesen Klub mitgeformt hat, als RB noch um Akzeptanz kämpfte und sich seinen Platz in der Bundesliga-Hierarchie erst erarbeiten musste. Kampl war dabei, als Leipzig vom Emporkömmling zum etablierten Spitzenklub wurde. 13 Tore, 23 Vorlagen – Zahlen, die seine Bedeutung nur unzureichend abbilden.

Was Kampl auszeichnet

Denn Kampl war nie der Spektakuläre. Er war der Verlässliche. Der, auf den man sich verließ, wenn es eng wurde. Ein Führungsspieler, wie Marcel Schäfer richtig sagt, auf und neben dem Platz. Solche Spieler sind selten geworden in einem Geschäft, das Loyalität oft nur als Verhandlungsmasse kennt.

Was Kampls Abschied so bemerkenswert macht, ist die Klarheit seiner Begründung. Keine Phrasen über neue Herausforderungen, keine diplomatischen Floskeln über unterschiedliche Vorstellungen. Stattdessen: Ehrlichkeit. Der Verlust seines Bruders habe ihm schmerzlich vor Augen geführt, wie wertvoll Zeit sei. Zeit, die nicht zurückkomme.

Es gibt Momente, in denen der Fußball sich selbst relativiert. Dies ist einer davon. Kampl schließt eine Rückkehr auf den Platz nicht kategorisch aus, auch wenn es sich für ihn derzeit unrealistisch anfühle. Das ist nebensächlich. Entscheidend ist, dass hier ein Profi die Prioritäten neu sortiert – und dabei eine Integrität zeigt, die im Profifußball nicht selbstverständlich ist.

Leipzig verabschiedet ihn am 17. Januar gegen Bayern München. Ein würdiger Rahmen für einen, der diesen Klub geprägt hat wie wenige andere. RB verliert mehr als einen Spieler. Der Verein verliert ein Gesicht, eine Konstante, einen Charakter.

Kevin Kampl hat verstanden, was viele erst begreifen, wenn es zu spät ist: Familie geht vor. Diese Erkenntnis verdient Respekt. Nicht Mitleid, nicht Bedauern – Respekt.