Italiens Verband trägt die Schuld – nicht Trainer Gattuso
Der viermalige Weltmeister droht, zum dritten Mal eine WM zu verpassen. Das Problem liegt nicht beim Trainer, sondern im System.
Es gibt Sätze, die verraten mehr über den Zustand einer Fußballnation als jede Tabelle. Gennaro Gattuso hat einen solchen Satz gesagt: "Das ist definitiv das wichtigste Spiel meiner Karriere." Der Mann hat 73 Länderspiele bestritten, war Vorkämpfer beim WM-Triumph 2006, hat AC Mailand, Neapel und Marseille trainiert. Und jetzt, vor dem Playoff gegen Nordirland, spricht er vom "wichtigsten Spiel seines Lebens". Das ist keine Floskel. Das ist ein Statement.
Italien steht heute Abend in Belfast vor einer Zäsur, die in der Geschichte des Weltfußballs ohne Beispiel wäre: Dreimal hintereinander keine WM-Endrunde. Der viermalige Weltmeister, seit 2006 ohne ein einziges K.o.-Spiel bei einer WM, könnte zum dritten Mal in Folge zu Hause bleiben, wenn im Sommer in den USA, Mexiko und Kanada gespielt wird. Die Fallhöhe ist gigantisch – und sie wird nicht kleiner dadurch, dass Gattuso erzählt, er brauche Schlaftabletten, um nicht "wie eine Fledermaus" die ganze Nacht wach zu liegen.
Seien wir ehrlich: Gattuso ist nicht das Problem. Er ist seit Juni 2025 im Amt, hat vier seiner fünf letzten Spiele gewonnen. Sein Vorgänger Luciano Spalletti wurde nach einem 0:3 in Norwegen entlassen, gewann nur elf von 23 Spielen als Nationaltrainer. Das war eine Bilanz des Scheiterns. Gattuso hat die Mannschaft stabilisiert, vier Siege ohne Gegentor eingefahren. Die Frage ist nur, ob ein emotionaler Anführer reparieren kann, was strukturell kaputt ist.
Denn das Muster ist immer dasselbe: Italien scheitert nicht an Talent, sondern an Substanz, wenn es gegen starke Gegner zählt. Die beiden Niederlagen gegen Norwegen – 0:3 auswärts, 1:4 daheim in Mailand – haben das brutal offengelegt. Die Norweger spielten die perfekte Qualifikation: acht Siege aus acht Spielen, 37:5 Tore. Italien landete mit 18 Punkten auf Platz zwei und muss nun den Umweg über die Playoffs nehmen.
Wer nach Verantwortlichen sucht, landet schnell bei den Strukturen. FIGC-Präsident Gabriele Gravina ist seit Oktober 2018 im Amt, wurde im Februar 2025 mit 98,7 Prozent der Stimmen für eine dritte Amtszeit wiedergewählt – als einziger Kandidat. In seine Amtszeit fallen zwei verpasste Weltmeisterschaften und nun die reale Gefahr einer dritten. 98,7 Prozent Zustimmung bei dieser Bilanz: Das ist kein Vertrauensbeweis, das ist ein System, das keine Selbstkorrektur kennt. Zur Wahrheit gehört auch, dass Claudio Ranieri als Favoritenkandidat für die Nachfolge Spallettis absagte und Gattuso letztlich von Hajduk Split kam. Nicht aus einem europäischen Spitzenklub, nicht aus einer Topliga – aus der kroatischen Liga.
Und der Gegner heute Abend? Nordirland unter Michael O'Neill ist kein Kanonenfutter. In der Qualifikation machten sie es Deutschland zweimal schwer, verloren in Köln erst nach der 70. Minute deutlich und in Belfast nur 0:1. O'Neill, der nebenbei Blackburn Rovers in der Championship trainiert, hat eine Mannschaft geformt, die unbequem ist. Wer glaubt, Italien müsse nur auflaufen, hat die letzten acht Jahre nicht aufgepasst.
Gattuso will "positiv denken, groß denken". Er hat sich, wie er selbst sagt, eine riesige Verantwortung auferlegt. Sollte Italien gewinnen, wartet im Playoff-Finale auswärts Wales oder Bosnien-Herzegowina. Noch ein Endspiel, noch eine Nacht ohne Schlaf. Das klingt gut, aber: Der italienische Fußball braucht keinen Trainer, der die Verantwortung allein auf seine Schultern lädt. Er braucht einen Verband, der sich fragt, warum eine der größten Fußballnationen der Welt seit fast zwanzig Jahren kein K.o.-Spiel bei einer WM mehr bestritten hat. Schlaftabletten helfen gegen Schlaflosigkeit – nicht gegen Realitätsverweigerung.