Irischer Israelhass macht mich fassungslos
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über eine eigenartige Boykottdiskussion in der Nations League
Eine Umfrage hat ergeben, dass 75 Prozent der irischen Fans dagegen waren, die Nations-League-Spiele ihrer Nationalmannschaft gegen Israel auszutragen. Ich hielt das erst für einen Scherz. Es handelt sich aber tatsächlich um ein heikles Thema. Deshalb möchte ich gleich zu Beginn versuchen, Schärfe aus der Diskussion zu nehmen.
SIND DIE IREN EIGENTLICH KOMPLETT VERRÜCKT GEWORDEN?
Okay, mein Vorhaben ist missglückt; wie so viele andere Wortbeiträge zu den beiden Spielen auch missglückt sind. Es ist eben viel Hass drin. Dabei geht es um Fußball. Flanke von rechts, Abseits, Bier in der Hand und so. Und nicht um das 3:0 gestern Abend.
Der Sport-Informationsdienst schrieb: "Wegen Israels militärischem Vorgehen im Gazastreifen als Reaktion auf den Überfall der Hamas hatte es in Irland im Vorfeld Forderungen nach einem Boykott gegeben. Der irische Verband FAI hatte bereits auf sein Ticketkontingent verzichtet."
Und ich dachte immer, Fußball soll die Menschen zusammenbringen. Die irische Nationalmannschaft sieht das zum Glück so wie ich. Sie sprach sich mehrheitlich dafür aus, die Spiele auszutragen. Aber die Mehrheit der Iren denkt anders. Und sogar Irlands Nationaltrainer sagte: "Wir spielen nicht mit Völkermord, wir spielen gegen Völkermord. Wir spielen gegen Israel, wir spielen nicht mit Israel."

Ehe ich es kommentieren konnte, räumte Heimir Hallgrimsson kurz darauf selbst ein: "Das war nicht klug." Ich würde so weit gehen, dass es ganz schön dumm war. Trainer Hallgrimsson ist übrigens gar kein Ire, sondern Isländer.
Andreas Möller würde sagen: Irland oder Island, Hauptsache irre.
Leider ist es nicht witzig. Die Iren arbeiten hart daran, dass Antisemitismus auch in der nächsten Generation Fuß fasst. "Mama, stimmt es, dass die Juden alle Mörder sind? – Iss erstmal dein Frühstück auf, Cillian!" – es würde mich nicht wundern, sollten auf der Insel solche Tischgespräche stattfinden, der Fußball hat die Vorlage gegeben. Und die Geschichte lehrt uns: Vorurteile, die man als Kind eingehämmert bekommt, wird man später nicht mehr so leicht los.
Ich bin einigermaßen fassungslos, dabei habe ich gerade erst diesen netten TV-Spot des irischen Tourismusverbandes gesehen: Ein freundlicher, rötlich gelockter Ire versucht mit großem Aufwand, zwei Touristen die Mütze zurückzugeben, die sie verloren haben. Am Ende schafft er es. Es waren vermutlich keine jüdischen Touristen.
Mir ist inzwischen die Lust auf Irland-Urlaub gründlich vergangen – dabei hätte mir der Werbespot gleich verdächtig vorkommen müssen: Dauernd scheint die Sonne, wo es doch in Irland immer regnet.
Es geht halt nichts über ein schönes Vorurteil.
"Die Republik Irland gehört seit Beginn der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen im Oktober 2023 zu den europäischen Ländern, die besonders deutlich ihre Unterstützung für die Palästinenser zum Ausdruck gebracht haben", habe ich gelesen. "Israels Existenzrecht wird ausdrücklich betont, gleichzeitig hat Dublin 2024 den Staat Palästina offiziell anerkannt."

Weil ich heute möglichst unter 25 Lesermails im Stile von "Schreib' lieber wieder über Fußball, das kannst du besser" bleiben möchte, werde ich nicht weiter darauf eingehen, wer im Oktober 2023 im Gazastreifen wen zuerst brutal niedergemetzelt hat. Oder dass jeder Zehntklässler drauf kommen würde, dass mit einer Meldung, die den relativierenden Satz "Israels Existenzrecht wird ausdrücklich betont" braucht, irgendwas nicht stimmen kann.
Ich erwähne aber auch nicht, dass es kein "Israel" gibt, wie es sich die meisten Iren offenbar vorstellen. 55 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung sind nämlich gegen ihren Regierungschef Benjamin Netanjahu, haben Umfragen ergeben.
Und ich schreibe auch nicht, dass ich das brutale Vorgehen Israels im Gazastreifen verurteile, obwohl ich das tue, denn dann hätte ich ja plötzlich keine klare Pro/Kontra-Meinung mehr, und die muss einer haben, sonst ist er heutzutage erledigt, oder?
Zurück zum Sport: Gestern Abend fand also das erste der beiden Spiele statt – in Debrecen/Ungarn, wo sonst. Es gab nicht mal Handshakes, keine Wimpel. Irland siegte 3:0, aber eigentlich "gewann der Fußball", wie es der israelische Verband IFA vorher formuliert hatte. "Diejenigen, die zweifellos verloren haben, sind diejenigen, die einschüchtern, spalten und den Fußballplatz in eine politische Arena verwandeln wollten."
Auf Betreiben des irischen Verbands wird das "Heimspiel" am kommenden Sonntag in der abgelegenen serbischen Stadt Bačka Topola ausgetragen, wo sonst. Der öffentlich-rechtliche Sender RTÉ beschränkt seine Berichterstattung auf das Nötigste: kein eigenes Studio, kein eigener Spielkommentar. Zuschauer sind nicht vorgesehen.
Das ist kein Witz, das ist so.
Gavin Bazunu fehlt dann übrigens wieder. Der irische Stammtorwart hat seinen Einsatz in beiden Spielen verweigert. Er versicherte, seine Haltung sei "nicht gegen das israelische Volk oder die jüdische Gemeinschaft gerichtet, sondern gegen die Gräueltaten in der Region".
Ich bin mir ganz sicher, dass das in Israel genau so ankommt.
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