Infantinos Wiederwahl 2027 ist keine Wahl, sondern eine Inthronisierung auf Raten

Die CONMEBOL stellt sich hinter Infantino. Was nach Vertrauen klingt, ist ein Tauschgeschäft: Stimmen gegen Spiele, Loyalität gegen Einfluss.

Infantinos Wiederwahl 2027 ist keine Wahl, sondern eine Inthronisierung auf Raten
IMAGO/Anadolu Agency

Zehn Mitgliedsverbände, eine einstimmige Empfehlung, null öffentliche Debatte: So sieht es aus, wenn die CONMEBOL sich hinter Gianni Infantino stellt. Alejandro Dominguez dankte dem FIFA-Präsidenten am Donnerstag für sein „unermüdliches Engagement für die Entwicklung des südamerikanischen Fußballs". Klingt nach Vertrauen. Klingt nach Überzeugung. Klingt – wenn man genauer hinhört – nach einem Geschäft. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Parallel zur Unterstützungserklärung läuft die Debatte um eine Aufstockung der WM 2030 auf 64 Teams. Dominguez selbst hatte vorgeschlagen, das Turnier „einmalig" zu erweitern. Die WM findet in Spanien, Portugal und Marokko statt, dazu kommen je ein Eröffnungsspiel in Uruguay, Argentinien und Paraguay – bisher drei Partien auf südamerikanischem Boden. Mit 16 zusätzlichen Teilnehmern bräuchte man weitere Spielorte. Und die CONMEBOL hätte den idealen Hebel, um mehr davon auf den eigenen Kontinent zu holen. Infantino schien der Überlegung bei einem Treffen mit Vertretern aus der Region offen gegenüberzustehen. Der Preis dafür: frühzeitige Loyalität vor der Wahl 2027. Man kann das pragmatisch nennen. Politik funktioniert über Interessen, auch im Fußball. Aber was diese Allianz offenlegt, ist etwas anderes: ein System, das demokratische Kontrolle nur noch simuliert. Infantino wurde 2019 und 2023 jeweils ohne Gegenkandidaten wiedergewählt. In der gesamten FIFA-Geschichte hatten nur fünf Präsidentenwahlen überhaupt mehr als einen Bewerber. Aus den 211 Mitgliedsverbänden ist laut SID-Meldung „keine Kritik an Infantino zu vernehmen". Kein Widerspruch, kein Gegenkandidat, kein Diskurs – und jetzt die erste Konföderation, die vorab Treue schwört. Das ist keine Wahl, das ist eine Inthronisierung auf Raten. Dominguez selbst ist in diesem Spiel kein Statist. Er ist FIFA-Vizepräsident, Mitglied des FIFA-Councils – und wurde im Juni 2025 einstimmig als CONMEBOL-Chef für die Periode 2026 bis 2030 wiedergewählt. Wer an der Spitze eines Kontinentalverbands sitzt und gleichzeitig im engsten Machtzirkel der FIFA, hat wenig Anreiz, das System infrage zu stellen. Im Gegenteil: Jede Aufwertung der WM stärkt auch seine eigene Position in der Region. Die Unterstützung für Infantino ist deshalb keine Geste der Bewunderung. Sie ist ein Tauschgeschäft – Stimmen gegen Spiele, Loyalität gegen Einfluss. Gleichzeitig liegt bei der hauseigenen FIFA-Ethikkommission eine Beschwerde der Organisation Fair Square wegen möglicher Verstöße gegen die politische Neutralität – Anlass ist Infantinos enge Beziehung zu US-Präsident Donald Trump. Beim FIFA-Kongress 2025 in Asunción kam der Präsident zwei Stunden zu spät, weil er mit Trump in Saudi-Arabien und Katar war. UEFA-Vertreter verließen daraufhin aus Protest den Saal. Die Ethikkommission, die über diese Beschwerde entscheiden soll, untersteht dem Mann, über den sie urteilen müsste. Kontrolle, die sich selbst kontrolliert, ist keine Kontrolle. Durch eine Statutenänderung, die das FIFA-Council um DFB-Chef Bernd Neuendorf vor vier Jahren beschloss, kann Infantino bis 2031 im Amt bleiben. Der 56-Jährige hat unter seiner Führung Rekordeinnahmen erzielt, seine Macht im Weltverband ausgebaut und gefestigt. Ob er 2027 erneut antritt, gilt als Formsache. Die CONMEBOL hat ihren Teil des Deals bereits erfüllt: öffentliche Rückendeckung, einstimmig, ohne Bedingungen. Was Südamerika dafür bekommt, steht noch nicht in den Protokollen – aber in den Spielplänen der Zukunft.