Infantinos Mund-zu-Regel bestraft die Geste, nicht den Rassismus

Die FIFA verbietet eine Handbewegung und nennt es Antirassismus. Doch wer Symptome regelt statt Ursachen bekämpft, liefert nur ein Foto vom Fortschritt.

Teilen
Infantinos Mund-zu-Regel bestraft die Geste, nicht den Rassismus
IMAGO/ZUMA Press Wire

Zwölf Wörter genügen, um die Beweislast umzukehren: "Es muss vermutet werden, dass ein Spieler etwas gesagt hat, das er nicht hätte sagen dürfen." Gianni Infantino hat diesen Satz zur Grundlage einer Regel gemacht, die bei der WM 2026 erstmals greifen soll – Rote Karte für Spieler, die sich in einer Auseinandersetzung mit dem Trikot den Mund zuhalten. Auslöser: der Fall Gianluca Prestianni gegen Vinicius Junior im Champions-League-Playoff. Und schon ist aus einer Geste ein Tatbestand geworden.

Man muss Infantino zugutehalten, dass er handelt. Vinicius Junior wird seit Jahren rassistisch beleidigt, in Stadien, auf Plätzen, im Netz – der Fall Prestianni war nur der jüngste einer langen Reihe. Der FIFA-Präsident nennt die Hinausstellung eine Maßnahme, "die wir ergreifen müssen, wenn wir es mit unserem Kampf gegen Rassismus ernst meinen". Wer dagegen ist, gilt schnell als Verharmloser. Das ist das rhetorische Schutzschild dieser Regel: Sie immunisiert sich selbst gegen Kritik.

Aber genau da beginnt das Problem. Die neue Vorschrift bestraft nicht den Rassismus, sie bestraft die verdächtige Geste. Sie löst die schwierigste Frage, die der Fußball seit Jahren vor sich herschiebt – wie man eine Beleidigung beweist, die keiner hört –, indem sie sie nicht mehr stellt. Wer den Mund bedeckt, ist schuldig. Punkt. Aus einer Ermittlungsaufgabe wird eine Sichtprüfung, aus dem Schiedsrichter ein Lippenleser ex negativo. Das ist juristisch bequem und moralisch billig.

Hinzu kommt die zweite Schwachstelle: Ob die Regel überhaupt außerhalb der WM gilt, ist laut IFAB "den Organisatoren überlassen". Bundesliga, Champions League, La Liga – jeder darf selbst entscheiden, ob er mitzieht. Ein Antirassismus-Beschluss, der bei der ersten Zuständigkeitsfrage auseinanderfällt, ist kein Beschluss, sondern ein Angebot. Bei der Forderung, mit der Infantino ihn begründet hat, hätte man mehr Entschlossenheit erwartet als eine Fußnote in der Kategorie "nach Ermessen".

Noch etwas: Das IFAB hat im selben Atemzug eine zweite Regel verabschiedet. Spieler, die aus Protest das Feld verlassen, können ebenfalls mit Rot bestraft werden; die Mannschaft, die einen Abbruch verursacht, verliert grundsätzlich das Spiel. Auch das mag sinnvoll sein – aber es zeigt, wie das Gremium Symptome bekämpft, sobald sie im Bild auftauchen. Geste, Platzflucht, Trikotzipfel vor dem Mund: Der Fußball regelt, was man sieht. Was man hören müsste, bleibt außen vor.