Infantinos 500-Millionen-Argument: Die einen nennen es Markt, die andere Abzocke
Die FIFA rechtfertigt explodierende WM-Ticketpreise mit Rekordnachfrage. Dabei zeigt genau diese Zahl, dass Fans nur noch als Datensätze zählen.
500 Millionen gegen 50 Millionen. Das ist die Zahl, mit der Gianni Infantino in Vancouver die Kritik an den WM-Ticketpreisen wegwischen möchte – und es ist exakt die Zahl, die ihn entlarvt. Wenn die Nachfrage sich verzehnfacht, dann ist das für einen Kaufmann kein Grund zur Demut, sondern zur Preiserhöhung. Und genau so handelt die FIFA: Sie nennt es Markt, die Fans nennen es Abzocke. "Wir hatten 500 Millionen Ticketanfragen. Bei den letzten beiden Weltmeisterschaften zusammen hatten wir 50 Millionen Ticketanfragen", sagt Infantino. Er meint das als Beleg für die Attraktivität seines Produkts. In Wahrheit ist es die betriebswirtschaftliche Einladung, jeden Sitzplatz an den höchsten Bieter zu versteigern. Erstmals setzt die FIFA bei einer WM auf Dynamic Pricing – dynamische Preisgestaltung, die Preise schnellen hoch, sobald die Nachfrage es hergibt. Günstigste Tickets ab 60 US-Dollar, Finaltickets laut FIFA bis über 6.730. Wer an ein erschwingliches Turnier glaubt, soll sich bitte die Gruppenphase ansehen, nicht das Endspiel. Dann kommt der zweite Satz, der wie Fürsorge klingt und wie Marketing funktioniert: "Alle Einnahmen, die wir durch die Weltmeisterschaft generieren, gehen zurück an die gesamte Welt und finanzieren den Fußball in allen Ländern." Das ist rhetorisch elegant und ökonomisch fragwürdig. Denn für den Zyklus 2023–2026 rechnet die FIFA mit Rekordeinnahmen von rund 13 Milliarden US-Dollar – ein Großteil aus dieser einen WM. Wenn das Produkt so lukrativ ist: Warum muss ausgerechnet der Fan im Stadion die Solidaritätslast tragen und nicht der Sponsor, der TV-Partner, der Gastgeberstaat? Dass die Kritik kein Stammtischgeraune ist, zeigt Brüssel. Im November reichte der europäische Verbraucherverband BEUC mit nationalen Organisationen Beschwerde bei der EU-Kommission ein. Im Visier: das dynamische Preissystem, die intransparente Preisgestaltung, die Bedingungen auf der offiziellen FIFA-Wiederverkaufsplattform. Das ist keine Fanfolklore, das ist europäisches Verbraucherrecht gegen einen Weltverband, der sich wie ein Ticketing-Startup aufführt. Infantino hätte auf diese Beschwerde eingehen können. Er hat es nicht getan. Er hat stattdessen eine Nachfragezahl in den Raum gestellt und sie mit dem Satz versehen: "Es gibt teure Tickets, ja, aber es gibt auch erschwingliche Tickets." Ein Satz, der zwei Dinge gleichzeitig sagt. Erstens: Ja, wir nehmen mit, was der Markt hergibt. Zweitens: Beschwert euch nicht, ihr hättet ja die billigen Plätze buchen können. Beides zusammen ergibt keine Verteidigung, sondern ein Geschäftsmodell. Und dieses Modell setzt darauf, dass Fans, die ein Leben lang auf eine WM sparen, froh sind, wenn sie überhaupt reinkommen – egal zu welchem Preis. 104 Spiele, 48 Nationen, 16 Städte, drei Länder. Die WM 2026 ist das größte Turnier, das dieser Sport je gesehen hat. Sie wird getragen von denen, die anreisen, die übernachten, die Trikots kaufen, die ihre Stimme in die Stadien bringen. Von ihnen spricht Infantino nicht, wenn er 500 Millionen sagt. Er spricht von Datensätzen, von Warteschlangen, von Zahlungsbereitschaft. Eine WM, die sich rühmt, zehnmal mehr Nachfrage zu erzeugen als ihre Vorgänger, muss sich fragen lassen, was sie mit dieser Macht tut: Schutzschild für Fans – oder Hebel gegen sie?