Hoeneß hat recht: Nur gut, dass Messi aufhört
Man soll beim Abschied nicht vergessen, wie viel Glück Argentinien beim WM-Turnier erlebt hat - und Zuspruch durch merkwürdige Schiedsrichter-Leistungen
Uli Hoeneß hat in Hamburg, wo ihn die Sport Bild am Montag für sein Lebenswerk ehrte, ein Urteil gefällt, das eigentlich niemand fällen wollte: Lionel Messis Rücktritt aus der argentinischen Nationalmannschaft sei "total richtig", auf Dauer mache es keinen Sinn, dass zehn Mann laufen müssen, damit einer mitspielen kann. Gesagt hat der Bayern-Macher das über einen Spieler, den er selbst "den Allergrößten" nennt.
Das ist kein Widerspruch. Hoeneß hat ja recht: Es ist gut, dass Messi aufhört, und besser für Argentinien.
Messi hat sein Land zum WM-Titel 2022 geführt, zur Copa-América-Titelverteidigung 2024, und jetzt, mit 39, noch einmal bis ins WM-Finale 2026 – wo er 0:1 nach Verlängerung gegen Spanien verlor. 207 Länderspiele, 125 Tore, beides Bestmarken. Diese Zahlen erklären, warum Argentinien ihn bis zuletzt trug. Sie erklären nicht, warum es richtig sein soll, ihn zu tragen.
Ein System, das seine taktische Ordnung um die Physis eines einzelnen Mannes herum baut, funktioniert genau so lange, wie dieser Mann mit seinen Toren und Vorlagen die Lücke kompensiert, die er anderswo selbst aufreißt. Bei einem 25-Jährigen ist das eine Wette auf Zeit. Bei einem 39-Jährigen ist es eine Wette, die man verloren hat, bevor man sie eingeht – und Argentinien hat sie im Finale verloren.
Und wir wollen nicht vergessen, wie viel Glück Argentinien im Turnier erlebt hat und wie viel Zuspruch durch merkwürdige Schiedsrichter-Leistungen (kein Rot im Algerien-Spiel), um überhaupt das Endspiel erreichen zu können. Die Spielverläufe weckten mehr als einmal den Verdacht, dass eine übergeordnete Instanz Messi und seine Zulieferer mit dem Goldpokal sehen wollte. Die Mannschaft arbeitete und foulte stets auf den einen oder anderen genialen Moment ihres Anführers hin. Koste es, was es wolle.
Damit ist jetzt Schluss. Und Messi selbst hat in seinem Abschiedsbrief nichts von Erschöpfung geschrieben, sondern davon, dass junge Spieler nachkommen, die es verdienen. Das ist eine würdige Version des Abschieds. Sie ist trotzdem eine andere Geschichte als die, die auf dem Platz stand.
Was Hoeneß ausspricht, trauen sich in Argentinien die wenigsten: Individuelle Klasse ist kein Freifahrtschein gegen taktische Physik. Zehn Mann, die für einen laufen, ist keine Hommage, sondern ein strukturelles Problem – nur eines, das man bei einem Spieler dieses Formats zwanzig Jahre lang nicht benennen wollte. Messi hat es am Ende selbst getan. Hoeneß hat nur ausgesprochen, was auf dem Platz längst zu sehen war.