Fünf Titel, ein 8:0 und trotzdem Trainer gefeuert: Flamengo entlarvt sich selbst
Der Klub feuert seinen Trainer nach fünf Titeln wegen drei Ligaspielen. Das zeigt: Geld hat die Geduld ersetzt, Macht die Vernunft.
Acht Tore geschossen, ins Finale eingezogen, trotzdem gefeuert. Was bei Flamengo gerade passiert ist, lässt mich ratlos zurück. Nicht weil Trainer entlassen werden – das gehört zum Geschäft. Sondern weil diese Entlassung alles offenlegt, was im modernen Fußball schiefläuft.
Filipe Luis hat seit September 2024 fünf Titel mit Flamengo gewonnen. Fünf. Darunter die Copa Libertadores, das wichtigste Klubturnier Südamerikas. Ein Mann, der vor wenigen Monaten noch als Architekt einer Erfolgsära gefeiert wurde, steht jetzt auf der Straße. Der Grund: vier Punkte aus drei Ligaspielen zu Saisonbeginn. Das ist keine Analyse, das ist Panik.
Ich verstehe, dass bei einem Klub mit dem Anspruch Flamengos Niederlagen schmerzen. Die verlorenen Endspiele um den südamerikanischen Supercup gegen Lanus und den brasilianischen Supercup gegen Corinthians haben wehgetan. Aber rechtfertigt das eine Entlassung wenige Minuten nach einem 8:0 und dem Einzug ins Finale der Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro? Sportdirektor José Boto überbrachte Luis die Nachricht direkt nach dessen Pressekonferenz. Das ist nicht nur taktlos, das ist ein Statement: Hier zählt nur der nächste Sieg, nicht der letzte Titel.
Flamengo gilt als der finanzstärkste Klub Brasiliens. Wer so viel Geld investiert, erwartet Rendite. Das ist die Logik, die hier regiert. Aber diese Logik hat einen blinden Fleck: Sie verwechselt Ungeduld mit Ambition. Wer einen Trainer nach fünf Titeln in weniger als einem Jahr feuert, weil drei Ligaspiele nicht optimal liefen, der baut keine Strukturen auf. Der zerstört sie.
Was mich an diesem Fall besonders irritiert: Die Klubführung hat offenbar nicht einmal den Anstand besessen, Luis die Entscheidung in einem würdigen Rahmen mitzuteilen. Ein Trainer, der gerade sein Team zu einem historischen Kantersieg geführt hat, erfährt zwischen Tür und Angel, dass seine Zeit vorbei ist. Das sagt mehr über die Kultur dieses Vereins aus als jede Pressemitteilung.
Die Frage, die sich Flamengo stellen muss, ist nicht, ob der nächste Trainer besser wird. Die Frage ist, ob ein Klub, der Erfolg so definiert, überhaupt noch weiß, was er eigentlich will. Fünf Titel reichen nicht. Ein 8:0 reicht nicht. Was soll dann jemals reichen?
Filipe Luis wird einen neuen Job finden. Seine Bilanz spricht für sich. Flamengo hingegen hat sich mit dieser Entscheidung selbst entlarvt. Als Verein, bei dem Geld die Geduld ersetzt hat und Macht die Vernunft. Wer das für professionelles Management hält, hat den Fußball nicht verstanden.