Extrawürste im Verein: Wenn Ehrenamt und Realität kollidieren

Eine Komödie entlarvt mit Humor, wie schnell Harmonie im Verein kippt – und wie komplex Ehrenamt, Macht und Kommunikation aufeinander aufbauen.

Extrawürste im Verein: Wenn Ehrenamt und Realität kollidieren
Foto: privat

Von Gerd Thomas

Wer eine Realität des deutschen Vereinssports filmisch und zugleich unterhaltsam umgesetzt sehen möchte, dem sei Extrawurst mit Hape Kerkeling, Fahri Yardim und anderen TV-Stars empfohlen. Der Film zeigt die Mitgliederversammlung eines Tennisclubs (könnte auch Fußball sein), die spätestens aus dem Ruder läuft, als ein gut gemeinter Vorschlag zur Anschaffung eines separaten Grills für das einzige türkischstämmige Vereinsmitglied für ein handfestes Fiasko sorgt.

Man könnte Extrawurst als Klamotte abtun – doch das würde dem Film nicht gerecht. Mit viel Augenzwinkern und einem feinen Gespür für real existierende Geschehnisse zeigt er, was auf Mitgliederversammlungen tatsächlich passieren kann: Ein seit 25 Jahren amtierender Vorsitzender sieht sich zum ersten Mal mit Gegenvorschlägen konfrontiert. Unter den Mitgliedern entstehen Allianzen und zerbrechen schnell wieder. Der stellvertretende Vorsitzende fühlt sich stets übergangen, nach und nach kommen Differenzen zwischen vielen Leuten ans Licht, die zuvor verdrängt oder unter den Teppich gekehrt wurden.

Vereinsleben als Mikrokosmos gesellschaftlicher Realität

Einen Verein zu führen, ist vergleichsweise einfach, solange Harmonie herrscht, die Finanzen stimmen und die Beteiligten ohne größere Konkurrenz miteinander arbeiten. Fehlt eines davon, wird es schnell komplex. Manche Konflikte kündigen sich früh an, andere brechen völlig überraschend auf. Nahezu alle, die länger in der Vorstandsarbeit eines Amateurvereins tätig sind, können ein Lied davon singen – bei einigen stehen am Ende sogar Zerwürfnisse.

Dabei arbeiten die meisten Vorstandsmitglieder ehrenamtlich, also ohne finanzielle Entlohnung. Gleichzeitig tragen sie Verantwortung für Personal, Sportstätten, Finanzen und nicht selten auch für rechtliche Fragen. Vereinskommunikation, Mitgliedergewinnung oder Sponsorenpflege sind ebenfalls Aufgaben, die häufig unterschätzt werden. Lob gibt es dafür selten, Missverständnisse und Kritik dagegen umso häufiger.

Ideallösungen scheuen oft die Verantwortung

Für viele Ehrenamtliche sind Wertschätzung und gute Kommunikation wichtiger als Geld. Gleichzeitig haben zahlreiche Vorstände in ihrem Berufsleben nie umfangreiche Personalverantwortung getragen, ebenso wenig Erfahrung in strategischer Finanzplanung oder professioneller Kommunikation gesammelt. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, eher sollte man für das Engagement dankbar sein, auch wenn nicht immer alle Leute die Idealbesetzung sind. Wobei diese im Verein oftmals durchaus vorhanden ist, aus verschiedenen Gründen aber gerade keine Verantwortung übernehmen will.

In Deutschland ist es zunehmend in Mode gekommen, Verantwortungsträger grundsätzlich zu kritisieren. Lehrkräfte und Sportcoaches kennen dieses Phänomen, selbst Rettungskräfte oder Mitarbeitende der Stadtreinigung sehen sich zunehmend massiven verbalen Angriffen ausgesetzt. Kein Wunder also, dass das in der Regel komplett gratis durchgeführte Ehrenamt insgesamt – besonders im Sport – rückläufig ist. Der Höhepunkt sind diskriminierende Entgleisungen, Drohungen und zunehmend Angriffe von Rassisten und Demokratieverächtern auf engagierte Vereine.

Fast wie im echten Leben – nur lustiger und bitterer zugleich

Zurück zu Extrawurst: Der patriarchale Vereinspräsident besitzt durchaus einen weichen Kern, sein Stellvertreter verfolgt eigene Ambitionen, einige Mitglieder fordern mehr Mitbestimmung – und schließlich eskaliert die Situation. „Fast wie im richtigen Leben“, möchte man den Titel einer TV-Serie des wohl größten deutschen Kabarettisten Gerhard Polt sagen. Nicht zuletzt wachsen einem die beiden Protagonisten Kerkeling und Yardim schnell ans Herz. So autoritär der Präsident den Verein führen möchte, so deutlich treten auch seine Schwächen zutage. Er ist eben vor allem eines: ein Mensch.

Am Ende des Films liegen sich fast alle wieder in den Armen – die rassistische Mutter des Vizepräsidenten einmal ausgenommen. Im realen Vereinsleben sieht das jedoch oft anders aus. Zwar sind Klärungen möglich und notwendig, doch ebenso häufig kommt es zu Kurzschlussreaktionen oder Rücktritten. Plötzlich steht ein Verein ohne Jugendleitung oder Finanzvorstand da – Situationen, die oft vielleicht vermeidbar gewesen wären.

Für die Zukunft müssen Jung und Alt zusammenarbeiten

Vorstandsmitglieder sind Menschen mit Fehlern und Schwächen. Sie sollten sich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass sie sich engagieren. In vielen Vereinen stehen heute sogenannte Boomer oder sogar Angehörige noch älterer Generationen an der Spitze. Sie sind kein Zukunftsmodell, können aber im besten Fall ihre Erfahrung an Jüngere weitergeben. Genau dieser Übergang fällt vielen Vereinen schwer. Doch gerade darin liegt für viele Clubs eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft.

Die Spezies der Filmkritiker ist sich nicht einig. Während die FAZ von einer verunglückten Kinoklamotte spricht, die humorbefreite Kritik bei Moviepilot sogar mit erhobenem Zeigefinger den „Rundumschlag eines Fremdscham-Gipfels“ zu erkennen glaubt, findet HR2 den Film sehr gelungen, macht er der Süddeutschen Zeitung„überraschend gute Laune“. Die hat er mir auch bereitet, wobei ich nicht jedes Wort und jeden Satz auf die Goldwaage gelegt habe.

Aber im Abgleich mit dem richtigen Leben findet man erstaunlich viele Parallelen. Zumal es im Amateurverein nicht so sehr um „political correctness“ geht, dafür durchaus oft um Befindlichkeiten Einzelner und die Fähigkeit der Verantwortlichen, den Laden trotzdem zusammenzuhalten. Wichtigtuer gibt es überall, die sterben einfach nicht aus. Und nervige Anträge lassen sich auch von nicht sehr kenntnisreichen Menschen per KI leicht erstellen. Die Digitalisierung ist zwar unabdingbar, hat aber nicht nur positive Seiten.

Mir ist wichtiger, was auf dem Platz passiert. Beim FC Internationale Berlin haben wir 70 verschiedene Nationalitäten und treten täglich den Beweis an, dass sich Menschen unterschiedlicher Generationen oder Familienhintergründe sehr wohl zu einer starken Einheit bilden lassen. Man muss es allerdings auch wollen.

Du willst auch deine Meinung bei Fever Pit'ch kundtun? Das geht problemlos hier: Gerne klicken!