Ein Logo aus Plastik, ein Knöchel aus Fleisch
Der Frustwurf eines 18-Jährigen erregt mehr Gemüter als die offene Sohle davor. Das sagt mehr über die Empörungsordnung als über den Spieler.
Drei Minuten nach seiner Einwechslung räumt Samuele Inácio den Dänen Albert Grönbaek mit offener Sohle im Bereich des Knöchels ab, Felix Zwayer zeigt sofort Rot, 77. Minute. Auf dem Weg in die Kabine knallt der 18-Jährige eine Wasserflasche auf den Boden, im Spielertunnel dann noch einmal mit voller Wucht gegen das BVB-Logo. Die Kameras zeigen beides. Diskutiert wurde vor allem das Zweite.
Das ist die Verkehrung, um die es an diesem Abend nach dem 2:0 gegen den Hamburger SV geht: Ein Stück bedrucktes Vereinsinventar erregt mehr Gemüter als ein Knöchel, der unter einer offenen Sohle lag. Lothar Matthäus sagte bei Sky: „Das finde ich noch schlimmer als das Foul. Am Ende ist es das Logo, und das geht nicht.“ Der Rekordnationalspieler hat damit die Rangfolge sortiert, die im deutschen Fußball offenbar gilt.
Sie gilt nicht. Ein Platzverweis nach drei Minuten auf dem Feld ist die härtere Nachricht als eine zerschellte Flasche. Rot heißt Sperre, heißt Ausfall, heißt für einen Spieler, der zuletzt für Italiens A-Nationalmannschaft debütiert hatte, ein Eintrag, den er nicht mehr los wird. Nur fünf Bundesliga-Spieler waren jünger bei ihrem Platzverweis, und drei davon trugen ebenfalls das Trikot der Dortmunder: Jude Bellingham, Dan-Axel Zagadou, Almugera Kabar. Der Klub kennt das Muster also, statistisch belegbar.
Wer Profi ist, ist Profi, und wer mit offener Sohle einsteigt und danach das Vereinslogo attackiert, kann sich nicht hinter seinem Geburtsjahr verstecken. Achtzehn ist alt genug für einen Bundesliga-Vertrag, alt genug für ein Länderspiel, also alt genug für Kritik. Die Milde, die Erwachsene jungen Spielern gewähren, ist oft nur die Milde gegenüber sich selbst: Man hat sie ja ausgebildet.
Nur trifft die Kritik hier den falschen Vorgang. Der Flaschenwurf war kein Angriff auf die Institution, er war der Kontrollverlust eines Achtzehnjährigen, der gerade begriffen hatte, was er angerichtet hat. Waldemar Anton, der Kapitän, hat das nüchtern eingeordnet: „Das sind Emotionen, mein Gott. Das gehört dazu. Ich glaube nicht, dass er das so meint. Es sieht schlecht aus, aber das sind die Emotionen, die aus einem herauskommen. Ich habe lieber so einen Spieler, der sauer ist, als wenn es ihn nicht interessiert.“
Die Reaktion der Verantwortlichen war entsprechend ruhig, und sie war richtig. „Eine klare Rote Karte. Und alles, was danach passiert ist, bitte ich auch, nicht zu hoch zu hängen“, sagte Sport-Geschäftsführer Lars Ricken. Trainer Niko Kovac berichtete bei Sky, er sei nach dem Schlusspfiff in die Kabine gekommen: „Der Junge saß da weinend. Man kann sich vorstellen, wie er sich gefühlt hat.“ Er werde ihn „weiter trösten und aufbauen. Er wird daraus lernen.“
Genau daran wird sich messen lassen, ob die Sätze mehr sind als Schadensbegrenzung. Trösten und aufbauen ist die halbe Arbeit. Die andere Hälfte heißt, einem 18-Jährigen zu erklären, dass eine offene Sohle am Knöchel eines Gegenspielers kein Temperament ist, sondern eine Gefährdung. Wer nur den Wurf gegen das Logo bespricht, hat die falsche Lektion erteilt.
Ein Vereinslogo lässt sich abwischen. Ein Knöchel nicht.
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