Ein Jammer, dass ausgerechnet Spanien das WM-Finale erreicht
Ein Gegentor in sieben Spielen, die am meisten gefürchtete Offensive des Turniers ausgeschaltet, Fußball mit Kalkül statt Leidenschaft vorm Tor — und darüber soll man sich freuen? Leider ja.
Frankreich kam mit sechzehn Toren aus sechs Spielen in dieses WM-Halbfinale, mit Kylian Mbappé, der sich die Spitze der Torschützenliste mit Lionel Messi teilt, mit Ousmane Dembélé und Michael Olise — der beste Angriff, den dieses Turnier zu bieten hatte. Und trotzdem verließ Frankreich das Halbfinale gestern Abend mit 0:2. Ein Foulelfmeter von Mikel Oyarzabal in der 22. Minute, ein Tor von Pedro Porro nach der Pause, und die Mannschaft, die in fünf ihrer sechs Siege mindestens zwei Tore Vorsprung herausgeschossen hatte, brachte gegen Spanien keinen einzigen Ball im Tor unter. So kommt dieses spanische Team mit seiner Abwehrkunst also ins WM-Finale — indem es den Rausch der anderen abstellt. Es ist ein Jammer.
Vier Wochen lang war diese Weltmeisterschaft ein Fest der Superstars. Messi schraubte seinen WM-Torrekord weiter nach oben, Mbappé steht bei acht Treffern, Erling Haaland schoss Norwegen fast im Alleingang durch die Runden, in den Vorrunden fielen die Tore am Fließband. Im Schnitt 2,91 Treffer pro Spiel. Und ausgerechnet die Mannschaft, die nun im Endspiel steht, ist die eine, die all das zum Nebengeräusch erklärt hat. Spanien reichten 1,83 Tore pro Spiel, um ins Halbfinale einzuziehen, darunter das 4:0 aus dem Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien, das den Schnitt künstlich hochschraubte. Elf eigene Tore in sechs Spielen, weniger als jeder andere Halbfinalist, dabei ein einziges Gegentor (im Viertelfinale gegen Belgien) — das ist Spanien. Kritiker würden sagen: Anti-Fußball.
Das ist keine Kritik, die Spanien trifft. Wer hier von Langeweile redet, verwechselt Kontrolle mit Mutlosigkeit. Luis de la Fuentes Elf ist seit mehr als 36 Pflichtspielen ungeschlagen, amtierender Europameister, und was sie an diesem Abend mit Frankreich und dem gefürchtesten Angriff der Welt anstellte, war kein Bus vor dem eigenen Tor, sondern Ballbesitz, Zugriff und Ordnung. Sie hat Mbappé, Dembélé und Olise nicht weggemauert, sie hat sie aus dem Spiel genommen. Das ist die vollständigste Mannschaft dieses Turniers, und sie hat ihren Platz im Finale verdient wie keine zweite. Romantiker möchten hinzufügen: leider.
Ein schwaches Team, das sich glücklich ins Endspiel stolpert, könnte man achselzuckend hinnehmen — Pech, nächstes Mal. Ein überlegenes Team, das sich dorthin verteidigt, perfektioniert sein Können. Und das ernüchternde Urteil lautet, dass am größten aller Fußballabende die schöne Version dieses Spiels gegen die sachliche verliert. Darin steckt der Jammer, nicht in Spaniens angeblicher Blässe: Das Turnier hat sich über Messi und Mbappé verkauft, über Tore am Fließband — und das Endspiel, das dabei herauskommt, gehört der Mannschaft, die in all dem nur den Lärm gesehen hat, den man zum Siegen abstellen muss. Einer schrieb: Spaniens Spielweise sei langweilig wie ein VW Golf. Dummerweise leistet der die meisten Kilometer.
Spanien wird das nicht vorzuwerfen sein, im Gegenteil. Aber jeder Trainer, der in den nächsten Jahren eine Mannschaft baut, hat an diesem Abend mitgeschrieben, und die Lehre, die er mitnimmt, wird keine über das Toreschießen sein. Zum erst zweiten Mal steht Spanien in einem WM-Finale, und die Hoffnung all derer, die den Fußball dieses Sommers für seine Tore geliebt haben, hängt nun an einem Argentinier oder einem Engländer. An jemandem, der schafft, woran Frankreich mit sechzehn Toren und dem besten Angriff des Turniers gescheitert ist.