Die FIFA testet Abseits-Revolution – und genau dort, wo niemand hinsieht

In Kanada laufen geräuschlos zwei Experimente, die den Fußball verändern könnten. Wer das Design kontrolliert, bestimmt das Ergebnis.

Die FIFA testet Abseits-Revolution – und genau dort, wo niemand hinsieht
IMAGO/Crystal Pix

Die Canadian Premier League startet am 4. April in ihre achte Saison. Acht Teams, kein VAR, eine Liga, die außerhalb Kanadas kaum jemand kennt. Und genau dort wird gerade eine Entscheidung vorbereitet, die den Fußball in seiner Grundstruktur verändern könnte. Die FIFA testet in dieser Liga das sogenannte „Tageslicht-Abseits" – die erste professionelle Erprobung einer Regeländerung, über die seit Jahren gestritten wird. Nicht in der Premier League. Nicht in der Bundesliga. In Kanada.

Das ist kein Zufall. Es ist Kalkül.

Arsène Wenger, seit November 2019 FIFA-Direktor für globale Fußballentwicklung, lobbyiert seit seinem Amtsantritt für diese Regel. Sie besagt: Ein Spieler steht nur dann im Abseits, wenn sich sein gesamter Körper vollständig vor dem vorletzten Verteidiger befindet – befindet sich noch ein spielbarer Körperteil auf gleicher Höhe, bleibt er im Spiel. Schluss mit Millimeter-Entscheidungen, Schluss mit der Zehenspitzen-Absurdität der halbautomatischen Abseitstechnologie. „Indem wir diese neue Auslegung in einem professionellen Wettbewerb testen, können wir ihre Auswirkungen besser verstehen", sagt Wenger. Es klingt nach Wissenschaft. Es ist Machtpolitik.

Denn das IFAB – jenes Gremium aus den vier britischen Verbänden und der FIFA, das als einziges auf der Welt Fußballregeln ändern darf – hat im Januar 2026 bei seinem Annual Business Meeting in London genau diese Regeländerung als zu radikal abgelehnt. Die UEFA und die britischen Verbände stemmten sich dagegen. Beim Jahrestreffen im Februar in Wales dann der Kompromiss: Die „laufenden Versuche in Bezug auf Abseits" dürfen fortgesetzt werden. In untergeordneten Wettbewerben. Wenger selbst formuliert es so: „In one year, the decision will be made, by the IFAB, not by me." Nur: Wer die Versuchsanordnung kontrolliert, kontrolliert auch die Ergebnisse.

Und die FIFA kontrolliert hier alles. Die CPL nutzt derzeit kein VAR. Was dort stattdessen eingeführt wird, ist ein von der FIFA geführtes System namens Football Video Support – kombiniert mit einem Challenge-Modell, bei dem Trainer eine begrenzte Anzahl an Überprüfungsanträgen erhalten. Nicht jede spielentscheidende Szene wird automatisch kontrolliert. Das ist nicht bloß ein technischer Test. Es ist der Versuch, den Videobeweis von einem Kontrollmechanismus in ein taktisches Werkzeug umzubauen. Zwei Experimente in einer Liga, die weder die Infrastruktur noch die mediale Aufmerksamkeit hat, um Widerspruch zu erzeugen.

Gleichzeitig gilt: Die Frustration über Millimeter-Abseits in der Bundesliga, in der Serie A, in der Premier League ist real. Fifa-Präsident Gianni Infantino hat Ende 2025 erneut betont, Ziel sei es, den Fußball „offensiver und attraktiver" zu gestalten. Das ist kein absurdes Anliegen. Viele Fans würden dem sofort zustimmen. Aber die Methode verrät mehr als das Motiv. Wenn eine Regeländerung dieser Tragweite zuerst dort getestet wird, wo niemand hinsieht, dann geht es nicht um Transparenz – dann geht es darum, Fakten zu schaffen, bevor die Debatte überhaupt geführt wird.

Bei Erfolg sollen die Ergebnisse Ende des Jahres vom IFAB überprüft werden. Eine breitere Einführung wäre ab der Saison 2027/28 möglich. Bis dahin pausiert die CPL im Juni ohnehin – wegen der FIFA WM 2026 in Nordamerika. Die Bühne für Wengers Projekt könnte also kaum besser gebaut sein: erst das Labor, dann die große Show.

Regeländerungen im IFAB erfordern eine Dreiviertelmehrheit. Die FIFA allein kann nichts durchsetzen. Aber sie kann die Grundlage liefern, auf der abgestimmt wird – die Daten, die Narrative, die vermeintlichen Beweise. Wer das Experiment designt, braucht die Abstimmung nur noch zu bestätigen.