Die FIFA schweigt zur Gewalt in Mexiko – und riskiert damit die WM-Sicherheit
100 Tage vor dem Anpfiff versinkt ein Gastgeberland im Chaos. Doch aus Zürich kommt keine Reaktion, kein Plan B.
Rund 100 Tage vor dem Anpfiff der Fußball-WM in Nordamerika erreichen uns Bilder aus Mexiko, die mit Fußballfest nichts zu tun haben. Ausschreitungen in 20 von 32 Bundesstaaten, geschlossene Schulen und Gerichte, Aufrufe an die Bevölkerung, sich in Sicherheit zu begeben. Ich frage mich: Wie kann die FIFA ein Turnier dieser Dimension in einem Land austragen, das gerade im Chaos versinkt?
Die Tötung des Drogenbosses Nemesio Oseguera Cervantes durch die mexikanische Armee hat eine Gewaltwelle ausgelöst, die das Land erschüttert. Besonders betroffen ist ausgerechnet der Bundesstaat Jalisco mit seiner Hauptstadt Guadalajara – einem der drei mexikanischen WM-Spielorte. Dort sollen vier Partien stattfinden, Europameister Spanien, Gastgeber Mexiko und Südkorea sollen dort antreten.
Südkorea und Kolumbien planen sogar, ihr Mannschaftsquartier in Guadalajara aufzuschlagen. Das klingt nach einem schlechten Witz, wenn gleichzeitig das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft dazu aufrufen, Hotels möglichst nicht zu verlassen und Menschenansammlungen zu meiden.
Die Realität hat den Fußball bereits eingeholt. In den mexikanischen Top-Ligen wurden Spiele abgesagt, darunter in Queretaro, wo die mexikanische Nationalmannschaft eigentlich ein Testspiel gegen Island bestreiten sollte. Wenn schon der normale Ligabetrieb nicht mehr gewährleistet werden kann, wie soll dann ein Weltturnier mit Hunderttausenden internationalen Gästen funktionieren?
Ich sehe hier ein grundsätzliches Problem der FIFA-Vergabepolitik. Die Entscheidung für die Dreier-WM in den USA, Kanada und Mexiko fiel 2018. Seitdem hat sich die Sicherheitslage in Mexiko nicht verbessert, im Gegenteil. Doch der Weltverband hält an seinen Plänen fest, als gäbe es keine Alternative. Die deutsche Mannschaft absolviert alle Vorrundenspiele in den USA – ein Zufall? Oder doch eine stille Anerkennung der Risiken südlich der Grenze?
Die FIFA steht vor einer unbequemen Wahrheit: Sie hat ein Turnier vergeben, dessen Durchführung in Teilen nicht mehr selbstverständlich ist. Mexiko City und Monterrey mögen stabiler sein als Guadalajara, aber die Gewalt kennt keine Bundesstaatsgrenzen. Uruguay und Portugal wollen zwar in anderen mexikanischen Orten residieren, doch auch dort gibt es keine Garantien.
Was mich am meisten irritiert: Die Stille aus Zürich. Keine öffentliche Stellungnahme, keine Krisenkommunikation, kein Plan B. Als würde man hoffen, dass sich das Problem von selbst erledigt. Das wird es nicht.
Die Frage ist nicht mehr, ob die WM in Mexiko stattfinden kann. Die Frage ist, ob die FIFA bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas passiert – oder ob sie wieder einmal die Augen verschließt, bis es zu spät ist.