Die FIFA macht den Videobeweis mit neuer WM-Regel noch schlimmer

Die möglichen Änderungen bei der WM könnten den VAR-Einsatz grundlegend transformieren.

Die FIFA macht den Videobeweis mit neuer WM-Regel noch schlimmer
IMAGO/News Images

Die FIFA treibt ihre Vision vom perfekten Spiel voran. Am 20. Januar entscheidet das IFAB in London über erweiterte VAR-Befugnisse bei der WM 2026. Eckbälle und Gelb-Rote Karten sollen künftig überprüfbar werden. Was als Streben nach Gerechtigkeit verkauft wird, offenbart in Wahrheit ein fundamentales Missverständnis dessen, was Fußball ausmacht. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Schon jetzt dauern VAR-Überprüfungen im Schnitt 70 Sekunden. Bei durchschnittlich vier Eingriffen pro Spiel sind das fast fünf Minuten Stillstand. Addiert man die geplanten Eckball-Checks im Schnitt elf pro Partie – und potenzielle Gelb-Rot-Situationen, nähern wir uns der Zehn-Minuten-Marke. Das ist keine Evolution, sondern die schleichende Transformation des Fußballs in eine Stop-and-Go-Sportart. Die UEFA hat die Pläne bereits abgelehnt, und das aus gutem Grund. Der europäische Verband erkennt, was die FIFA-Funktionäre ignorieren: Jede weitere Unterbrechung zerstört den Rhythmus, den Fußball braucht. Es geht nicht nur um Spielverzögerungen. Es geht um die Essenz des Spiels – den Flow, die Emotionen, die sich aus ununterbrochenen Phasen entwickeln. Wenn Spieler nach jedem Eckball bangen müssen, ob der Schiedsrichter ans Ohr greift, verliert der Sport seine Unmittelbarkeit.

Geplänkel um VAR

Der Konflikt zwischen UEFA und FIFA ist dabei mehr als ein administratives Geplänkel. Er markiert einen Richtungsstreit über die Zukunft des Fußballs. Während Europa auf Spielfluss und Tradition pocht, träumt die FIFA von technokratischer Perfektion. Dass ausgerechnet bei der ersten WM mit 48 Teams, die ohnehin schon logistische Herausforderungen mit sich bringt, diese Experimente durchgeführt werden sollen, zeigt die Hybris des Weltverbands. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die FIFA verwechselt Präzision mit Gerechtigkeit. Ja, manchmal wird ein Eckball falsch gegeben. Ja, manchmal ist die zweite Gelbe Karte diskutabel. Aber diese Unschärfen gehören zum Spiel wie der Rasen zum Stadion. Sie schaffen Diskussionsstoff, Emotionen, Geschichten. Ein Fußballspiel ist kein Gerichtsverfahren, bei dem jedes Detail forensisch untersucht werden muss. Die Ironie dabei: Während die FIFA den VAR aufbläht, diskutiert das IFAB gleichzeitig über Maßnahmen gegen Zeitspiel und vorgetäuschte Verletzungen. Man bekämpft also Spielverzögerungen und schafft gleichzeitig neue. Diese Widersprüchlichkeit entlarvt die ganze Debatte als das, was sie ist: Ein Machtkampf der Verbände auf dem Rücken des Sports.