Die FIFA kassiert Milliarden – und lässt Fans und Steuerzahler die Rechnung zahlen

Zur WM explodieren die Ticketpreise im Nahverkehr um 700 Prozent. Das Geschäftsmodell der FIFA: privatisierte Gewinne, sozialisierte Kosten.

Die FIFA kassiert Milliarden – und lässt Fans und Steuerzahler die Rechnung zahlen
IMAGO/Levine-Roberts

29 Kilometer, 12,90 Dollar – so viel kostet eine Hin- und Rückfahrt mit dem Zug von der Penn Station in Manhattan zum MetLife Stadium in New Jersey. Normalerweise. Zur WM sollen es über 100 Dollar werden. Nicht für eine VIP-Lounge, nicht für ein Stadionticket: sondern für einen Sitzplatz in einem stinknormalen Nahverkehrszug. Wer verstehen will, wie die FIFA ihre Turniere finanziert, muss nicht in Bilanzen blättern. Er muss sich ein Zugticket anschauen.

Chuck Schumer, Minderheitsführer der Demokraten im US-Senat, hat den Punkt öffentlich gemacht – und er hat recht. „Die FIFA wird bei der WM fast elf Milliarden Dollar einnehmen, doch Pendler und Anwohner in der Region New York sollen die Rechnung bezahlen", schrieb er auf X. Das ist keine Polemik, das ist Realitätsbezug. Allein die acht Spiele im MetLife Stadium – darunter das Finale am 19. Juli – sollen Transportkosten von rund 48 Millionen Dollar verursachen. Für die FIFA, die im laufenden Zyklus mit elf Milliarden Dollar kalkuliert und ab 2027 bereits mit 14 Milliarden rechnet, wäre das ein Rundungsfehler. Für den Verkehrsbetrieb New Jersey Transit ist es ein Betrag, der offenbar nur durch eine Preisexplosion um knapp 700 Prozent zu stemmen ist.

New York ist dabei kein Einzelfall. In Boston soll der Fahrkartenpreis für die Fahrt zum WM-Stadion in Foxborough von 20 auf 80 Dollar steigen, ein Shuttlebus-Sitzplatz für die 43 Kilometer lange Strecke auf 95 Dollar. Das Muster ist überall dasselbe: Die FIFA vergibt Spiele an Städte, kassiert die Erlöse aus TV-Rechten, Sponsoring und Ticketverkauf – und die Kosten für Infrastruktur, Sicherheit und Transport landen bei den Kommunen, den Verkehrsbetrieben, am Ende bei den Fans und Steuerzahlern.

Natürlich lässt sich einwenden, dass Mega-Events auch Umsätze in Hotels, Gastronomie und Einzelhandel bringen. Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, formuliert es diplomatischer als Schumer – die WM solle „so erschwinglich und zugänglich wie möglich" sein. Aber selbst sie nennt den geplanten Ticketpreis „furchtbar hoch". Und die endgültige Entscheidung über die Preise ist laut einem Sprecher von New Jersey Transit noch nicht einmal gefallen. Das heißt: Die Debatte läuft, aber die Strukturen stehen längst. Die FIFA hat ihre Verträge, ihre Einnahmen sind gesichert. Was an den Rändern passiert – Nahverkehr, Anwohnerbelastung, Fan-Kosten – ist im Geschäftsmodell des Weltverbands schlicht nicht vorgesehen.

Dieses Turnier ist das größte der Geschichte: 48 Teams, 104 Spiele, drei Länder. Im Vorgängerzyklus zur WM in Katar setzte die FIFA 7,5 Milliarden Dollar um. Jetzt sind es fast elf Milliarden. Die Dimension wächst, die Profite wachsen – aber die Verantwortung für die realen Kosten vor Ort bleibt, wo sie immer geblieben ist: bei denen, die nicht am Verhandlungstisch sitzen. Das DFB-Team spielt am 25. Juni gegen Ecuador genau in jenem MetLife Stadium, dessen Zugang gerade zum Luxusgut wird.

Schumer fordert, die FIFA solle die Transportkosten übernehmen. Das klingt nach einer lokalpolitischen Forderung aus New Jersey. In Wahrheit ist es die Grundsatzfrage jeder WM-Vergabe: Wer zahlt für das Fest – und wer verdient daran? Solange die Antwort auf beide Fragen nicht dieselbe ist, bleibt jedes FIFA-Turnier ein Geschäftsmodell mit privatisierten Gewinnen und sozialisierten Kosten.