Der späteste Beste aller Zeiten: Abschied von Lionel Messi

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel zieht den Hut vor dem Weltmeister, der vergangene Nacht im Alter von 39 Jahren zum letzten Mal für Argentinien gespielt hat

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(261006) -- BUENOS AIRES, Oct. 6, 2026 -- Argentine soccer player Lionel Messi attends a training session at the Argentine Football Association (AFA) training complex in Ezeiza, Buenos Aires
Foto: IMAGO/Xinhua

In der Geschichte dieses Sports liebte der Ball viele Männer. Pelé, Cruyff, Beckenbauer, die Ronaldos, Platini zum Beispiel. Aber nur Zinédine Zidane, Maradona und Lionel Messi, der heute Nacht sein letztes Spiel für Argentinien machte, hat er vergöttert.

Das ist natürlich mein subjektiver Eindruck. Und ich schreibe das, obwohl ich sehr lange ein gespaltenes Verhältnis zum Letzten der kurzen Liste hatte. Denn Messi, zweifellos schon immer ein begnadeter Fußballer, scheiterte bis ins hohe Alter regelmäßig an großen Titeln – wenn er für die Nationalmannschaft spielte.

Messi in Weiß und Himmelblau war keine Führungsfigur, das habe ich ihm stets angekreidet. Er schlurfte, wenn's nicht lief, mit hängendem Kopf über den Platz, wo Spieler wie CR7, Maradona oder Zidane vorangegangen wären.

Und so verlor Argentinien regelmäßig alle Big Points. Das WM-Finale 2014 gegen Deutschland, die drei Endspiele der Copa America 2007, 2015 und 2016 – immer stand Messi auf dem Platz, immer ging es schief.

Vor zehn Jahren, bei der Niederlage gegen Chile, war er schon 29 und vergab im Elfmeterschießen auch noch seinen Strafstoß. Viele dachten damals: Das wird nie was. Messi und Nationalteam, das lag so weit auseinander wie heute David Raum und Genie. Ich dachte: Der wird niemals als bester Spieler der Geschichte in die Geschichte eingehen.

Ich hätte am 1. Mai 2005 auf Ronaldinho hören sollen, nachdem Messi gerade sein erstes Profitor für Barça geschossen hatte. Der famose Sportjournalist Ronald Reng hat die Szene so aufgeschrieben, nachzulesen im Buch „Die besten deutschen Sport-Reportagen aller Zeiten“:

Das Stadion hebt ab. Unten auf dem Spielfeld steht etwas, es sieht aus wie ein Denkmal. Ronaldinho, der beste Fußballer der Welt, das Publikum ist überzeugt, einen Besseren kann es unmöglich je wieder geben, hat Messi auf die Schultern gehoben. „Seht auf diesen Spieler“, sagt er später in den Katakomben des Stadions Camp Nou. „Er wird uns alle übertreffen.“

Messi war 17.

In der vergangenen Nacht hat in Buenos Aires ebenjener Mann, inzwischen 22 Jahre älter, sein 208. und letztes Spiel für „La Albiceleste“ gemacht. Und einiges von dem, was ich weiter oben geschrieben habe, ist inzwischen vollkommener Nonsens.

Copa America 2021, WM 2022, Copa America 2024: Argentinien, Argentinien, Argentinien. Kapitän: Messi mit 34. Messi mit 35. Messi mit 37. Drei große Titel gewann er, als der Horizont schon in seine Sonnenstrahlen schnitt.

Und das hat es in der Geschichte des Fußballs noch nie gegeben. Maradona war mit 25 Weltmeister und mit 37 ein Wrack; er wurde zum zweiten Mal des Kokain-Dopings überführt und trat ab. Zidane, mit 26 Weltmeister, war mit 37 Fußballrentner. Er hatte mit 33 aufgehört.

Messi war knapp zwei Jahrzehnte lang einer der größten Fußballer aller Zeiten, und erst dann wuchs er zum größten Fußballer aller Zeiten. Ich nehme keinen Widerspruch hin.

Pelé? Erschien nicht zur Beweisaufnahme – der Brasilianer mied das harte europäische Klublevel stets.

CR7? War nur Europameister und bei weitem nicht so ballgewandt wie Messi.

Am ehesten lasse ich Zidane als schärfsten Messi-Verfolger gelten: Der Franzose wurde Weltmeister, Europameister, Champions-League-Sieger, Weltfußballer.

Ein bisschen werden wir Messi, der mit 13 Jahren und 1,43 Meter groß zum FC Barcelona kam und dort in 21-jährigem Aufenthalt tonnenweise Titel holte und Ehrungen einheimste, noch in den USA für Inter Miami spielen sehen. Aber mal ehrlich: Das sagt man doch nur so, in Wirklichkeit werden wir ihn natürlich höchstens aus dem Augenwinkel sehen. Wer guckt schon MLS?

Nein, der wahre Lionel Messi, „der einzige Fußballer, der schneller mit Ball rennt als ohne Ball“, wie sein Trainer Pep Guardiola einmal gesagt hat, ist heute Nacht für immer abgetreten.


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