Der HSV macht seinen Klassenerhalt von der Schwäche anderer abhängig

Sechs Spiele ohne Sieg, aber fünf Punkte Vorsprung. Der HSV überlebt nur, weil die Konkurrenz patzt – und erinnert sich an alte Muster.

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Der HSV macht seinen Klassenerhalt von der Schwäche anderer abhängig
IMAGO/Justus Stegemann

Sechs Spiele ohne Sieg. Fünf Punkte Vorsprung auf Relegationsrang 16. Drei Spieltage bis zum Saisonende. Das sind die Zahlen, mit denen der Hamburger SV an diesem Samstagabend ins Volksparkstadion ging – und mit denen er es wieder verließ. Nichts gewonnen, nichts geklärt. Ein Aufsteiger, der die Steilvorlage seiner patzenden Konkurrenz nicht annimmt, sondern sie liegen lässt wie einen missglückten Rückpass: Das ist der alte HSV, von dem alle dachten, er sei überwunden.

Gegen Hoffenheim hat Hamburg die Chance auf den vorzeitigen Klassenerhalt verspielt, weil der HSV in den Momenten, die zählen, nicht liefert. Fisnik Asllani stand in der 18. Minute nach der Flanke von Vladimir Coufal völlig frei – sein zehntes Saisontor, unbedrängt erzielt. Das Foulelfmeter-Tor von Robert Glatzel in der 34. Minute war die kurze Ekstase, die der Volkspark kennt und liebt. Elf Minuten später traf Tim Lemperle zum 1:2, weil die Hamburger Abwehr eine "scheinbar harmlose Situation" nicht geklärt bekam. Ein Satz, der in den letzten Jahren HSV-Geschichte viel zu oft geschrieben wurde.

Man kann Trainer Merlin Polzin zugutehalten, dass ihm Luka Vuskovic, Miro Muheim und Jean-Luc Dompé fehlten – drei Stammkräfte, das ist in einem Bundesligakader, zumal bei einem Aufsteiger, kein Randereignis. Polzin selbst hatte vor dem Spiel gesagt: "Wir können und müssen es besser machen" – mit Blick auf das 1:4 im Hinspiel. Am Ende standen 1:2 und sechs sieglose Spiele. Besser gemacht hat der HSV am wenigsten da, wo es ihn seit Jahren zerreißt: in der eigenen Hälfte.

Ozan Kabaks verunglückter Rückpass, das ungeklärte Kopfballduell vor dem 1:2, die vergebene Großchance von Bakery Jatta in der 74. Minute per Kopf, freistehend, nach einer Ecke – das ist keine Pechsträhne. Das ist ein Muster. Ein Team, das die Bundesliga-Zugehörigkeit reklamiert, darf gegen einen Champions-League-Anwärter verlieren. Aber nicht so. Nicht durch Fehler, die man Schüler-Mannschaften verzeiht, weil sie noch lernen müssen.

Hoffenheim war, wie es der SID nüchtern notiert, schlicht "zu abgezockt". Der zweite Sieg in Folge nach dem 2:1 gegen Dortmund, Rang vier über Nacht, 17. Saisonsieg. So sieht ein Klub aus, der weiß, wie er seine Spiele gewinnt. Coufals Flanken, Asllanis Timing, Lemperles Instinkt: Das ist Bundesliga. Der HSV hingegen profitierte davon, dass Wolfsburg und St. Pauli am selben Spieltag ebenfalls nicht punkteten. Fünf Punkte Vorsprung – geschenkt, nicht erspielt.

Und das ist der eigentliche Befund dieses Abends. Ein Aufsteiger, der seinen Klassenerhalt von der Schwäche anderer abhängig macht, ist kein bundesligatauglicher Klub. Er ist ein Klub, der Glück hat. Glück ist eine schlechte Strategie über 34 Spieltage. Glück hält in der Regel nicht bis zur 90. Minute des 34. Spieltags.