Der Fall Götze bei Eintracht Frankfurt

Die Vertragsverlängerung des Weltmeisters klingt nach Treue. In Wahrheit widerspricht sie allem, was die Hessen stark gemacht hat.

Der Fall Götze bei Eintracht Frankfurt
Foto: Imago / Jan Huebner

Mario Götze ist Dortmunder. So kennt man ihn, so hat ihn die Fußballwelt abgespeichert. Zwei Meisterschaften mit dem BVB, das Jahrhunderttor im WM-Finale, der verlorene Sohn, der zurückkehrte. Doch seit Mittwoch steht fest: Götze wird Frankfurter. Nicht nur dem Wohnsitz nach, sondern auch statistisch. Sein Vertrag bei der Eintracht läuft jetzt bis 2028 – sechs Jahre am Main, länger als jede seiner beiden BVB-Phasen, doppelt so lang wie beim FC Bayern. Ausgerechnet Frankfurt wird zur prägenden Station seiner Karriere.

Das Problem ist nur: Die Karriere gibt das sportlich nicht mehr her.

Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache

26 Einsätze hat Götze in dieser Saison, 13 davon als Einwechselspieler. Null Tore. Zwei Vorlagen. In der Bundesliga: null Scorerpunkte in 18 Spielen. Vor zwei Wochen strich Trainer Albert Riera den 33-Jährigen sogar aus dem Kader gegen Mainz 05. Nicht wegen einer Verletzung. Riera begründete die Entscheidung mit einer Gegenfrage, die alles sagt: „Nennen Sie mir einen Spieler. Wen soll ich für ihn rausnehmen?"

Zum Vergleich: In der Vorsaison kam Götze noch auf 29 Startelfeinsätze, fünf Tore und drei Vorlagen. Der Leistungsabfall ist nicht schleichend. Er ist drastisch.

Und trotzdem verlängert die Eintracht. Nicht um ein Jahr, wie monatelang kolportiert. Um zwei Jahre. Da wird Götze 36 sein.

Ein Vertrag, der dem eigenen Modell widerspricht

Eintracht Frankfurt hat in den vergangenen Jahren ein Geschäftsmodell perfektioniert, um das sie halb Europa beneidet. Randal Kolo Muani kam ablösefrei, ging für 95 Millionen Euro nach Paris. Omar Marmoush kam ablösefrei, wechselte für 75 Millionen zu Manchester City. Hugo Ekitiké kostete 16,5 Millionen, brachte 95 Millionen von Liverpool. Allein diese drei Transfers spülten rund 265 Millionen Euro in die Kassen.

Das Prinzip: junge, hungrige Spieler holen, entwickeln, teuer weiterverkaufen. Immer in Bewegung bleiben. Frankfurts Finanzvorstand Julien Zamberk hat es kürzlich im Klub-Podcast unmissverständlich formuliert: Ohne regelmäßige Transfererlöse wäre das Modell „der riskanteste und unseriöseste Weg".

Und jetzt bindet sich derselbe Klub an einen 33-Jährigen, der keinen Marktwert mehr generiert, dessen Leistungskurve nach unten zeigt und der seinem eigenen Trainer keine Argumente mehr liefert.

Die Mentor-Erzählung verschleiert das eigentliche Problem

Sportvorstand Markus Krösche begründet die Verlängerung so: Götze habe „nahezu alles erlebt" und wolle seinen „Erfahrungsschatz mit den vielen jungen Spielern teilen". Das klingt warmherzig. Aber es klingt auch nach einem Argument, das man bemüht, wenn das sportliche fehlt.

Götze ist nach Timothy Chandler der dienstälteste Spieler im Kader. Er hat alle kommen und gehen sehen – Kolo Muani, Marmoush, Ekitiké, Pacho, Lindström. In einem Klub, dessen Spieler im Jahresrhythmus wechseln, ist Götze die letzte Konstante. Das ist emotional nachvollziehbar. Aber es ist keine Strategie.

Götzes Frieden – auf Frankfurts Kosten

Götze selbst sagt: „Die Freude am Fußball und an diesem Verein hat mich überzeugt." Seine Familie fühle sich wohl, die Karriere sei endlich, er wolle jeden Moment genießen. Das sind ehrliche Worte. Sie beschreiben einen Spieler, der nach den Irrfahrten zwischen Dortmund, München und Eindhoven endlich seinen Frieden gefunden hat.

Für Götze ist diese Verlängerung perfekt. Für Frankfurt ist sie ein Fremdkörper im eigenen System: Eintracht Frankfurt hat 265 Millionen Euro damit verdient, Spieler loszulassen. Ausgerechnet bei dem Spieler, bei dem es sportlich am meisten Sinn ergeben hätte, hält der Klub fest.