Der BVB zahlt für Schlotterbeck einen zu hohen Preis

Der Innenverteidiger bleibt in Dortmund – nicht aus Überzeugung, sondern weil nichts Besseres kam.

Der BVB zahlt für Schlotterbeck einen zu hohen Preis
IMAGO/Maximilian Koch

50 bis 60 Millionen Euro Ausstiegsklausel, rund 10 Millionen Jahresgehalt, Vertrag bis 2031: Der BVB hat Nico Schlotterbeck nicht verlängert – er hat ihn freigekauft. Von sich selbst. Denn was genau hat Dortmund hier eigentlich unterschrieben? Einen Vertrag mit einem 26-jährigen Innenverteidiger, dessen einziger Titel die U21-EM 2021 ist. Einem Spieler, der – so steht es in der Meldung – von der höchsten Güteklasse europäischer Topklubs nicht intensiv umworben wurde. Einem Vize-Kapitän, der monatelang zögerte, seinen Markt testete und am Ende dort blieb, wo er schon war. Das ist kein Statement. Das ist ein Indiz.

Schlotterbeck selbst sagt, er habe sich „bewusst Zeit genommen, weil es für mich eine wichtige Entscheidung ist". Man darf das übersetzen: Er hat gewartet, ob etwas Besseres kommt. Es kam nichts. Zumindest nichts, das besser war als ein Gehalt von rund 10 Millionen Euro im Jahr beim Bundesliga-Zweiten. Das ist keine Liebeserklärung an Schwarz-Gelb – das ist Pragmatismus, verpackt in warme Worte.

Und der BVB? Stand in dieser Verhandlung denkbar schlecht. Die Trennung von Sebastian Kehl am 22. März hat den Klub mitten in einem laufenden Poker die Karten vom Tisch gewischt. Schlotterbeck hatte mit Kehl bereits im Detail verhandelt, dann war Kehl plötzlich weg. Drei Tage später saß Ole Book auf dem Sportdirektor-Stuhl. Schlotterbeck hatte zu diesem Zeitpunkt laut Berichten noch keinen persönlichen Austausch mit ihm gehabt. Klubchef Lars Ricken wollte trotz des Rumorens kein Ultimatum setzen. Das klingt nach Geduld. Es klingt aber auch nach einem Klub, der wusste, dass er sich ein Scheitern dieser Verhandlung nicht leisten konnte – und der deshalb zahlte, was der Spieler verlangte.

Geschäftsführer Carsten Cramer nennt die Verlängerung „von enormer Bedeutung" und betont: „Nico weiß umgekehrt genauso, was er an unserem Klub hat." Der zweite Satz ist der entscheidende. Schlotterbeck weiß sehr genau, was er am BVB hat: einen Verein, der ihm Führungsrolle, Spitzengehalt und eine Ausstiegsklausel bietet, die nur für wenige Klubs greift. Das ist komfortabel. Es ist nur eben nicht das, was Dortmund nach außen verkaufen will – nämlich das Bild eines Spielers, der sich aus Überzeugung zu einem ambitionierten Projekt bekennt.

155 Pflichtspiele, 10 Tore, Stammspieler in der Nationalmannschaft, gesetzt für die WM 2026 neben Jonathan Tah: Schlotterbeck ist ein sehr guter Bundesliga-Verteidiger. Niemand bestreitet das. Aber „sehr gut in der Bundesliga" ist nicht die Kategorie, für die man den bestbezahlten Spieler im Kader bekommt – es sei denn, die eigene Verhandlungsposition ist so schwach, dass man keine andere Wahl hat. Genau das war hier der Fall. Der BVB hat in einem Sommer, in dem er in DFB-Pokal und Champions League längst gescheitert ist und nur noch um die Vizemeisterschaft spielt, das Gehaltsgefüge seines Kaders an einem Spieler ausgerichtet, der nirgendwo anders hin konnte.