Der BVB riskiert Schlotterbecks Abgang durch ein selbst verursachtes Machtvakuum
Der Deal mit dem Verteidiger war fast unterschriftsreif – dann feuerte der Klub den Verhandlungsführer. Jetzt steht alles still.
Nico Schlotterbeck sagt einen bemerkenswerten Satz nach dem 2:1 gegen Ghana in Stuttgart: „Ich hätte wahrscheinlich in den nächsten Wochen eine Entscheidung getroffen." Hätte. Wahrscheinlich. Konjunktiv. Weil der Mann, mit dem er monatelang verhandelt hat, seit dem 22. März nicht mehr im Amt ist. Sebastian Kehl ist weg, die Verhandlung steht still – und ein Verteidiger mit 154 Pflichtspielen für den BVB weiß plötzlich nicht mehr, mit wem er eigentlich redet.
Was hier sichtbar wird, ist kein normaler Personalwechsel. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Machtfragen auf der Führungsebene die sportliche Substanz eines Klubs gefährden. Am Sonntag trennte sich Dortmund von Kehl, am Montag meldete Sky eine bevorstehende Unterschrift Schlotterbecks – und am Dienstag dementierte der Spieler selbst in aller Deutlichkeit: „Dass die Unterschrift kurz bevorsteht, so weit sind wir leider noch nicht." Drei Tage, drei Realitäten. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Machtvakuum.
Nur einen Tag nach Kehls Abgang präsentierte der BVB mit Nils-Ole Book einen Nachfolger, 40 Jahre alt, Vertrag bis 2029, zuvor Sportvorstand bei der SV Elversberg. Book hat Schlotterbeck bereits angerufen. Aber ein Anruf ersetzt keine Vertrauensbeziehung, die über Monate gewachsen ist. Schlotterbeck formuliert das diplomatisch, doch der Subtext ist unmissverständlich: Das ist jetzt blöd für alle BVB-Fans, aber es ist keine einfache Situation für mich, weil Sebastian im letzten Moment gegangen ist.
Im letzten Moment – das ist der entscheidende Punkt. Laut Bild war ein neuer Vertrag bis 2031 nahezu vollständig ausgehandelt, bis zu 14 Millionen Euro Jahresgehalt, Ausstiegsklausel bei rund 60 Millionen. Der Deal war also nicht in einer frühen Phase. Er war kurz vor dem Abschluss. Und genau in diesem Moment zieht der Verein dem Verhandlungsführer den Stuhl weg – ohne die Personalie vorher zu sichern.
Wer Schlotterbeck und seine Situation nüchtern betrachtet, erkennt die Dimension: 26 Jahre alt, vier Tore und ein Assist in 21 Bundesligaspielen dieser Saison, zuletzt mit Real Madrid und dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Das ist kein Ergänzungsspieler, dessen Vertrag man nebenbei regelt. Das ist ein Leistungsträger, um den sich Europas Topklubs bemühen. Gleichzeitig muss man dem BVB zugestehen, dass Lars Ricken als Sport-Geschäftsführer die Trennung von Kehl als „gemeinsame Überzeugung" darstellte und der Verein mit Books schneller Verpflichtung zumindest Handlungsfähigkeit demonstrierte. Nur: Geschwindigkeit bei der Nachfolge ersetzt nicht Sorgfalt beim Übergang.
Dortmund steht mit 61 Punkten nach 27 Spieltagen auf Platz zwei der Bundesliga. Aus DFB-Pokal und Champions League ist der BVB bereits ausgeschieden. Im Sommer verlassen Julian Brandt, Niklas Süle und Salih Özcan den Klub. Wenn jetzt auch noch Schlotterbeck geht – nicht weil er gehen wollte, sondern weil der Verein den Verhandlungsfaden selbst gekappt hat –, dann wäre das kein Transferverlust. Dann wäre das ein strukturelles Versagen.
Personalentscheidungen auf der Führungsebene haben Konsequenzen, die über Organigramme hinausreichen. Sie betreffen laufende Verhandlungen, persönliche Bindungen, das Vertrauen zwischen Spieler und Klub. Wer einen Sportdirektor abberuft, bevor dessen wichtigste offene Personalie abgeschlossen ist, der trifft nicht nur eine Führungsentscheidung: Der riskiert die sportliche Zukunft des Kaders. Schlotterbeck hat das an diesem Abend in Stuttgart höflich, aber unmissverständlich klargemacht. Dortmund sollte gut zuhören.