Clemens Fritz verwechselt Vereinstreue mit Kompetenz – das ist gefährlich für Werder Bremen
Bremens Sportchef wehrt sich gegen Kritik, indem er auf seine Loyalität verweist. Doch die Leih-Panne offenbart ein Kontrollversagen.
Zwanzig Jahre Vereinstreue. Clemens Fritz trägt diese Zahl vor sich her wie einen Schutzschild – und genau das ist das Problem. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Bremens Geschäftsführer Fußball über die Kritik der vergangenen Wochen, über seine emotionale Bindung, über Pseudonyme im Internet. Worüber er nicht wirklich spricht: darüber, wie es passieren konnte, dass ein Bundesligist nicht weiß, wie viele Leihspieler er noch verpflichten darf.
Fritz sagt: „Es macht was mit mir." Das darf es. Kritik ist kein Wellnessprogramm, schon gar nicht, wenn man einen Traditionsverein durch eine Saison steuert, in der nach 27 Spieltagen 13 Niederlagen (Zeitpunkt des Interviews), ein Trainerwechsel und nur vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz zu Buche stehen. Prompt folgte das 1:2 gegen Leipzig Doch statt den Fehler zu sezieren, wechselt Fritz das Spielfeld. „Vor allem das Verstecken hinter Pseudonymen im Internet stört mich." Die Botschaft ist klar: Nicht der Inhalt der Kritik sei das Problem, sondern ihre Form. Das ist ein rhetorischer Trick, der in der Kabine funktioniert – aber nicht vor einer Öffentlichkeit, die Antworten verdient.
Der Leih-Lapsus im Winter war kein Flüchtigkeitsfehler eines Praktikanten. Fritz selbst spricht von einem „internen Missverständnis" und räumt Fehler in der Kommunikation nach außen ein. Die Leihspieler-Regelung gehört zum Einmaleins der Kaderplanung. Wer sie als Geschäftsführer Fußball nicht beherrscht – oder sich auf Zuarbeit verlässt, die er nicht überprüft –, muss sich gefallen lassen, dass die Kompetenzfrage gestellt wird. Von Fans mit Klarnamen, von Journalisten, und ja: auch von anonymen Stimmen im Netz.
Fritz versucht nachzulegen: „Wäre uns im Winter dadurch etwas weggebrochen an Möglichkeiten auf dem Transfermarkt, hätte ich die harte Kritik eingesteckt. Das war aber nicht der Fall." Das klingt zunächst plausibel. Nur verschiebt es den Maßstab. Der Fehler wiegt nicht deshalb weniger, weil er zufällig keine Transferoption gekostet hat. Er wiegt, weil er ein Kontrollversagen offenbart – bei einem Verein, der unter Horst Steffen zehn Bundesligaspiele in Folge ohne Sieg blieb und am 1. Februar den Trainer entlassen musste. In einer solchen Lage muss jede Stellschraube sitzen. Die Leih-Panne war das Gegenteil davon.
Klaus Filbry stärkt Fritz öffentlich den Rücken, nennt ihn „den richtigen Mann an der richtigen Position". Das gehört zum Geschäft. Und dass die jüngste Serie unter Daniel Thioune – drei Siege aus vier Spielen, darunter ein 4:1 bei Union Berlin – etwas Luft verschafft, ist unbestreitbar. Fritz darf sich bestätigt fühlen in seiner Trainerwahl. Doch eine gute Personalentscheidung im Februar hebt eine mangelhafte Kadersteuerung im Januar nicht auf. Genugtuung, sagt Fritz selbst, verspüre er ohnehin nicht.
Was bleibt, ist ein Muster: emotionale Bindung als Qualifikationsnachweis, Formkritik als Ablenkung vom Inhalt, eine Fan-Petition, die der Verein mit Verweis auf das satzungsgemäße Verfahren vom Tisch wischt. Das alles kann man machen. Nur sollte niemand überrascht sein, wenn die Frage danach, ob Loyalität und Kompetenz dasselbe sind, nicht leiser wird – sondern lauter.