Champions League: Ein Provinzklub blamiert die Elite-Klubs und provoziert unangenehme Fragen
Der FK Bodö/Glimt demütigt City, Atlético und Inter. Selbst Klopp staunt. Ist das Modell eine Blaupause – oder bleibt es eine Ausnahme?
Jürgen Klopp nennt es "Wahnsinn" und fragt sich öffentlich, was die da oben am Polarkreis eigentlich treiben. Ich verstehe seine Faszination – und teile sie. Was der FK Bodö/Glimt in dieser Champions-League-Saison abliefert, ist mehr als eine nette Randnotiz. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Fußball funktionieren kann, wenn man aufhört, nur auf Budgets zu starren.
Manchester City geschlagen. Atlético Madrid bezwungen. Jetzt geht dieser Klub aus einer 44.000-Einwohner-Stadt mit einem 3:1-Vorsprung ins Rückspiel gegen Inter Mailand, den Vorjahresfinalisten der Königsklasse. Das klingt nach einem Fehler in der Matrix. Ist es aber nicht. Das sind Fakten, wie Klopp richtig sagt.
Was mich an dieser Geschichte am meisten beschäftigt: Bodö/Glimt hat seit Ende November kein Pflichtspiel mehr bestritten. Die norwegische Liga beginnt erst Mitte März. Während Inter im Wochenrhythmus Serie A, Pokal und Champions League jongliert, bereitet sich ein Team aus der Winterpause heraus auf das wichtigste Spiel seiner Vereinsgeschichte vor. Normalerweise wäre das ein Todesurteil. Fehlende Wettkampfhärte, eingerostete Automatismen, mangelnde Intensität – die üblichen Argumente. Stattdessen dominiert dieser Klub europäische Schwergewichte.
Klopp, inzwischen als Head of Global Soccer bei Red Bull tätig, hat offenbar versucht, Trainer Kjetil Knutsen zu kontaktieren. Er will verstehen, was dort passiert. Das ist bezeichnend. Hier sitzt einer der erfolgreichsten Trainer der vergangenen Dekade und gibt offen zu, dass er die Methoden eines norwegischen Provinzklubs nicht durchschaut. Das ist keine Koketterie. Das ist ehrliche Neugier eines Mannes, der den Fußball in all seinen Facetten kennt.
Die Frage, die sich mir stellt: Warum schaffen es so wenige Klubs, diesen Weg zu gehen? Bodö/Glimt beweist, dass intelligente Kaderplanung, taktische Klarheit und eine funktionierende Vereinsstruktur mehr wert sein können als hunderte Millionen auf dem Transfermarkt. Das ist keine romantische Verklärung. Das ist eine Provokation für jeden Verein, der sein Scheitern reflexartig mit fehlendem Budget erklärt.
Mehr als 3000 Fans reisen ins Meazza-Stadion. Das sind fast sieben Prozent der gesamten Stadtbevölkerung. In München oder Mailand wäre das undenkbar. In Bodö ist es Ausdruck einer Identifikation, die im modernen Fußball zur Rarität geworden ist.
Ob Inter das Rückspiel dreht? Möglich. Wahrscheinlich sogar. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ein Klub ohne Oligarchen-Millionen, ohne Superstar-Transfers, ohne ganzjährigen Spielbetrieb die europäische Elite vor sich hertreibt. Wer das als Zufall abtut, hat nicht verstanden, was hier passiert.