Burnout im Ehrenamt: Viele Vereinsvorstände sind am Limit
Ehrenamtliche Führungskräfte tragen große Verantwortung, kämpfen aber oft allein mit Stress, Überlastung und fehlender Wertschätzung – mit Folgen.
In der vergangenen Woche lernte ich bei einer Podiumsdiskussion eine Psychologin kennen, die sich intensiv mit Burnout bei ehrenamtlich Engagierten beschäftigt. Darüber wird kaum gesprochen – und doch betrifft es viele Vorstände von Sportvereinen. Kurz darauf las ich einen Beitrag von Personalberater Ingolf Klammer. Euer CEO (Führungskraft) stirbt – und ihr schaut zu. 55% aller CEOs haben 2024 mentale Gesundheitsprobleme. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch viel höher. Angst. Depression. Burnout. 60% der Senior Leaders sagen, ihre mentale Gesundheit wurde durch Arbeit beeinträchtigt (Quelle: Forbes 2024). Wir predigen Work-Life-Balance – und belohnen Selbstausbeutung. Ein 58-jähriger CEO sagte: „Ich habe zwei Optionen – weitermachen bis zum Herzinfarkt oder aufhören und als Versager gelten.“ Das ist keine Leadership-Kultur. Das ist strukturelle Gewalt. Eine deutliche Ansage aus berufenem Munde, die sich zwar auf die Wirtschaft bezieht! Sie gilt aber ebenso für viele Vereinsvorstände. Fast alle von ihnen riskieren ihre Gesundheit ehrenamtlich, ohne Entlohnung. Viele sagen offen, dass sie unter den aktuellen Bedingungen nicht weitermachen wollen.
Vier Beispiele aus dem Alltag überlasteter Vereinsvorstände
- Uwe ist seit über 30 Jahren Vorsitzender. Er hat den Verein in hohe Spielklassen geführt, doch nun, im Ruhestand, merkt er, wie viele Dinge das Leben außerhalb des Vereins bereithält, z. B. Urlaubsreisen in den Süden. Der Verein ist sein Leben, aber es ist schwer, jüngere Leute zu finden, denen man wirklich Verantwortung übertragen möchte.
- Eberhard führt seit 20 Jahren einen Verein durch Höhen und Tiefen. Doch während es schwerer wird, Nachwuchs für den Vorstand zu finden, wächst die Aufgabenlast. Ärger mit den Behörden, vor allem wegen der lausigen Infrastruktur, ist häufig. Eigentlich möchte er aufhören, aber wer übernimmt?
- Peter ist langjähriger Vorstand und einer der größten Sponsoren. Durch Veränderungen in seinem privaten Umfeld rückt der Verein in den Hintergrund – aber es gibt keinen Nachfolger. Mehrere Leute können sich vorstellen, den Verein gemeinsam zu führen, sofern Peter als Ratgeber bleibt.
- Rainer spürt nach über 20 intensiven Jahren die Erschöpfung. Trotz vieler Erfolge belasten ihn interne Meinungsverschiedenheiten. Dieselben wenigen Freiwilligen übernehmen oft Alltagsaufgaben. Der Fußballverband hat Gebühren massiv erhöht, und ein größerer Sponsor ist abgesprungen. Wie erklärt man den Mitgliedern die Notwendigkeit höherer Beiträge?
Alle sind weiße Männer über 60, der Klassiker im Fußballverein. Hochverdiente Funktionäre, die das Wohl des Vereins im Blick haben. Doch viele leiden unter ihrem Amt. Gründe sind oft fehlender Nachwuchs, mangelnde Methoden zur Gewinnung neuer engagierter Menschen, neue Herausforderungen in der modernen Arbeitswelt und die wachsende Aufgabenlast.
Strukturelle Probleme, fehlende Unterstützung – und große Verantwortung
Marthe Lorenz von Klubtalent sagte im Hartplatzhelden-Podcast: „In der Startup-Welt ist es normal, als Führungskraft einen Coach zu haben. In Sportvereinen gilt das als Schwäche. Wir sollten das ändern!“ Viele Engagierte entwickeln Symptome von Burnout. Besonders ältere Männer sprechen kaum darüber. Unter vier Augen hört man dann von Schlaflosigkeit, Stress, Konflikten zwischen Ehrenamt, Beruf und Familie. Ein Journalist meinte neulich, dass die hohen Honorare für DFB-Vizepräsidenten gerechtfertigt seien. Ehrenamtliche trügen genauso viel Verantwortung – ohne Bezahlung. Sie verantworten Personal, Finanzen, Kinderschutz, Kommunikation mit Behörden und müssen sich oft Kritik anhören, während die Ursachen strukturell bedingt oder eklatantes Versagen der deutschen Sportpolitik sind. Die Liste der Belastungen ist lang. Vorstände zeigen nicht, wie sehr sie kämpfen – „stark bleiben“ gehört zur Kultur. Mein Hartplatzhelden-Freund Michael Franke schrieb, Ehrenamtliche seien keine Opfer. Schließlich nähmen sie aus ihrer Leidenschaft viel für ihr Leben mit. Aber es fehlt an Wertschätzung – und Besserwisserei gibt es im Übermaß. Meine Kollegin Susanne Amar und ich haben das in Workshops zur Stärkung des Ehrenamts im Sport erfahren.
Mehr Anerkennung – und ein Appell an die Engagierten
Dieser Text ist keine Klage. Er zeigt, wie groß der Einsatz zehntausender Engagierter ist, die den Zusammenhalt in unserem Land sichern. Und er zeigt das Missverhältnis zwischen ihrem Engagement und dem oft fehlenden Feedback. Ich möchte Ehrenamtliche in den Amateurvereinen stärker würdigen: durch Dank und praktische Unterstützung. Spenden oder Sponsorings erleichtern die Arbeit, helfen bei der Weiterentwicklung des Vereins und sorgen für positive Erlebnisse. Den Engagierten selbst möchte ich zurufen: „Passt gut auf euch auf. Sprecht mit Freunden und wohlwollenden Menschen im Verein, wenn ihr Unterstützung braucht oder einfach mal Sorgen – oder Frust – loswerden wollt.“ Denn die meisten merken nicht, wie belastet ihr seid. Schließlich funktioniert dank euch fast alles reibungslos.
Mehr Vielfalt als Lösungsansatz
Das neue Freiwilligen-Survey zeigt, dass die Engagement-Quote um 3 Punkte auf 36,7 % gesunken ist. Immerhin sind die Werte bei Ehrenamtlichen mit Zuwanderungshintergrund stabil. Viele Lösungsansätze liegen darin, die Gremien in Vereinen und anderen Organisationen diverser zu gestalten. Das wäre eine Antwort auf ausgrenzende Tendenzen im Land. Die Wirtschaft und ihre Fachkräfte aus dem Ausland würden es danken. Du willst auch deine Meinung bei Fever Pit'ch kundtun? Gerne klicken!