Bayerns B-Elf entscheidet über den Klassenerhalt der Gegner
Trainer Kompany schont sieben Stammkräfte für Paris – und greift damit ungewollt in den Abstiegskampf ein.
Zuerst die Besetzungsliste: Kane, Olise, Kimmich, Díaz – alle zunächst auf der Bank. Sieben Veränderungen in der Startelf, vier Tage vor Paris Saint-Germain. Das ist die nüchterne Rechnung, die Vincent Kompany am Samstag gegen den Tabellenletzten aufmachte. Sportlich ist sie nachvollziehbar. Im Kontext einer Bundesliga, die am letzten Spieltag noch einen Abstiegskampf auf mehreren Schauplätzen austrägt, ist sie mehr als das: eine Ansage, wer hier wen ernst nimmt – und wen eben nicht. Die Bayern sind Meister. Das steht fest, das war auch vor Anpfiff kein Streitpunkt mehr. Genau deshalb wiegt die Rotation schwerer, nicht leichter. Ein Klub, der in der Liga nichts mehr zu holen hat, entscheidet mit seiner Aufstellung plötzlich über die Tabellenarithmetik der anderen. Heidenheim holt in München einen Punkt. Sollten am Sonntag der FC St. Pauli gegen Mainz und Wolfsburg in Freiburg gewinnen, ist der Abstieg für Frank Schmidts Team dennoch besiegelt. Das Remis könnte also am Ende folgenlos sein – oder den Ausschlag geben. Beides ist möglich, beides hängt an einer Aufstellung, die in München vor allem ein Ziel hatte: Beine schonen für Mittwoch. Man kann das ehrlich zugeben, wie Kompany es faktisch tut. Schon eine Woche zuvor hatte er in Mainz acht Wechsel in der Startelf vorgenommen und dabei beinahe Schiffbruch erlitten – 4:3 nach 0:3. Jetzt, gegen den Letzten, waren es sieben. Wer so rotiert, sagt: Die Champions League ist das Maß, die Bundesliga der Terminrahmen. Das ist legitim aus Münchner Sicht. Für die Liga ist es ein Problem. Denn wie dieses 3:3 zustande kam, entzieht sich jeder sportlichen Logik. Budu Siwsiwadse traf zweimal gegen eine, wie es im Spielbericht heißt, "reichlich unsortierte" Bayern-Defensive, Eren Dinkci nutzte eine Unachtsamkeit von Jonathan Tah. Leon Goretzka glich zweimal aus. Und am Ende rettete den Bayern ein Eigentor von Heidenheim-Torhüter Diant Ramaj in der 90.+10 Minute das Remis. Zehn Minuten Nachspielzeit, ein Eigentor des gegnerischen Keepers: So sieht kein Ergebnis aus, das sportliches Gewicht trägt. Es ist das Produkt einer Partie, der ein Teil der Beteiligten nicht die volle Aufmerksamkeit schenken konnte – oder wollte. Frank Schmidt hat vor dem Spiel gesagt, es gebe "nichts Schlimmeres, als wenn man vor dem Spiel schon irgendwas abschenkt. Das sind nicht wir." Der Satz ist die Gegenseite, und er hat seine Würde. Schmidts Mannschaft hat gekämpft, führte 2:0, führte 3:2, holte den Punkt. Die Würde ändert nichts am Konstruktionsfehler: Bayerns Personalentscheidung greift unmittelbar in einen Abstiegskampf ein, in dem andere Vereine gegen ausgeruhtere Gegner antreten müssen. Es geht nicht darum, Kompany eine Aufstellung vorzuschreiben. Nach dem 4:5 im Hinspiel gegen Paris will kein Trainer dieser Welt mit müden Stars ins Halbfinale gehen. Es geht um den Rahmen, in dem so eine Aufstellung überhaupt möglich ist – und um eine Liga, die sich gefallen lässt, dass ihr 34. Spieltag zum Nebenschauplatz einer Königsklassenwoche wird. Der Meister darf schonen. Er darf rotieren. Er muss nur damit leben, dass seine B-Elf am letzten Spieltag mitentscheidet, wer erste Liga bleibt – und wer nicht.