Bayern-Dominanz: Sepp Maier stellt die richtige Frage – und die Liga muss sie beantworten

97 Tore nach 27 Spieltagen sind kein Bayern-Problem. Sie offenbaren den fehlenden Widerstand der Konkurrenz.

Bayern-Dominanz: Sepp Maier stellt die richtige Frage – und die Liga muss sie beantworten
IMAGO/Matthias Wehnert

Sepp Maier ist 82 Jahre alt, und er hat etwas gesagt, das unbequemer ist als jede Tabelle: „Die Liga ist schwach geworden." Der Satz klingt nach Stammtisch, nach Nostalgie, nach einem alten Mann, der früher alles besser fand. Aber wer genau hinschaut, merkt: Der Weltmeister-Torwart von 1974 liefert keine Klage, sondern eine Diagnose. Und die Zahlen geben ihm recht.

97 Tore nach 27 Spieltagen – 16 mehr als jedes Team zuvor zu diesem Zeitpunkt der Saison. Wenn Bayern München so weitermacht, landet der Rekordmeister bei rechnerisch 122 Treffern. Das wäre nicht nur ein neuer Rekord. Das wäre eine Demontage des eigenen Maßstabs.

Maier war dabei, als die alte Bestmarke aufgestellt wurde: 101 Tore in der Saison 1971/72, mit Beckenbauer, mit einem Ensemble, das danach dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann. Sein Punkt ist nicht, dass die Bayern von damals besser waren. Sein Punkt ist: Die Gegner waren es. „Bei uns hat es das nicht gegeben, dass man so oft so hoch gewonnen hat. Das lag aber nicht an uns, sondern an den besseren Gegnern." Man kann das als Verklärung abtun. Oder man schaut auf die Tordifferenz von 97:25 und den Zwölf-Punkte-Vorsprung auf den ersten Verfolger – und fragt sich, ob die Torhüter-Legende nicht einfach recht hat.

Die strukturelle Schieflage und ihre Folgen

Die Bundesliga hat ein Wettbewerbsproblem, das sich nicht mehr mit einzelnen Spieltagen erklären lässt. Wenn ein Klub nach 27 Spielen fast hundert Tore erzielt hat und dabei nur 25 kassierte, dann ist das kein Ausdruck normaler Dominanz. Dann fehlt der Widerstand. Der jüngste 4:0-Sieg gegen Union Berlin – mit Toren von Olise, Gnabry und Kane – war symptomatisch: effizient, kontrolliert, nie in Gefahr. Für Bayern ist das Alltag. Für die Liga ist es ein Alarmsignal. Sepp Maier bringt es auf eine Formel, die man in den Verbandszentralen nicht gerne hört: „Darüber sollten sich die anderen doch mal Gedanken machen."

Interessant ist, was Sepp Maier über die Grenzen der aktuellen Mannschaft sagt. Trotz der Torflut, trotz der Qualitäten von Trainer Vincent Kompany bezweifelt er, dass dieser Kader eine Ära begründen kann wie die Münchner der 70er Jahre. Der Grund sei nicht mangelndes Talent, sondern die „äußere Unruhe" des modernen Fußballs – Spielerwechsel, Verhandlungen, der permanente Rummel. „Wir haben es schon leichter gehabt", sagt Maier. Auch das ist keine Nostalgie. Es ist die nüchterne Feststellung, dass Kontinuität im heutigen Geschäft zur Ausnahme geworden ist. Bayern hat Kompanys Vertrag bis 2029 verlängert, ein Signal der Stabilität. Aber ob sich um diesen Trainer ein Ensemble formt, das über Jahre zusammenbleibt, steht auf einem anderen Blatt.

Zur Wahrheit gehört auch: Maier gönnt den heutigen Bayern jeden einzelnen Treffer. „Rekorde sind da, um sie zu brechen", sagt er. „Ich feiere jedes Bayern-Tor." Das ist keine Koketterie. Das ist die Gelassenheit eines Mannes, der 442 Bundesliga-Spiele in Folge bestritt und weiß, dass Zahlen vergehen. Was bleibt, ist die Frage, die seine Worte aufwerfen – und die sich nicht an München richtet, sondern an alle anderen: Wann wird aus Bewunderung für den Spitzenreiter endlich ein ehrlicher Blick auf die eigene Schwäche?