Alle wollen Sichtbarkeit – wer macht die Arbeit?

Amateurvereine sollen überall präsent sein und alle erreichen. Kommunikation ist für viele zur großen Baustelle geworden meint Gerd Thomas.

Alle wollen Sichtbarkeit – wer macht die Arbeit?
Öffentlichkeitsarbeit ist vielfältig für Vereine aber oft unübersichtlich. Foto: privat

„Können wir die Jugend nicht prominenter auf der Homepage darstellen – gern mit Spielberichten?“ Die Frage kam von einem C-Jugend-Trainer, engagiert, leidenschaftlich, überzeugt davon, dass seine Jungs – und ihre Geschichten – mehr Sichtbarkeit verdienen.

Kaum war dieser Wunsch ausgesprochen, meldete sich das nächste Mitglied: Im Frauen- und Mädchenbereich passiere so viel, davon lese man viel zu wenig. Andere wiederum fanden die bestehenden Spielberichte zu kurz. Oder zu einseitig. Oder bezüglich der Gewichtung der Spiele nicht ausgewogen genug. Und dann gab es noch jene, die sich nach mehr Einblick ins Vereinsleben sehnten: ein Interview mit dem Vorstand, Porträts von Ehrenamtlichen, ein Blick zurück in die Historie.

So viele Stimmen. So viele Erwartungen. Und mittendrin ein Amateurverein, der eigentlich nur eines will: alle mitnehmen.

Kommunikation ist heute – neben dem Finden und Binden von Ehrenamtlichen – wohl die größte Herausforderung für Amateurvereine. Mein Freund Michi Franke von der FT Gern in München erzählte mir kürzlich von einer Beschwerde: Ein Jugendtrainer war enttäuscht, weil er von einer Vereinsfeier nichts mitbekommen hatte. Dabei war die Veranstaltung auf mehreren Social-Media-Kanälen angekündigt worden, in der Vereins-App, auf der Homepage. Nur ein Plakat am Vereinsgelände – das hatte man vergessen.

Ein fehlender Aushang. Und schon entsteht das Gefühl, nicht informiert worden zu sein.

Die Ansprüche sind hoch. Und sie sind vielfältig.

Vor 50 Jahren war das alles deutlich überschaubarer. Es gab den Vereinskasten – das war’s. Vielleicht noch ein paar Plakate für das Spiel der 1. Herren, an Bäume geheftet (heute undenkbar). Mehr nicht. Und trotzdem kamen mehr Zuschauer zu Spielen und Vereinsfesten als heute.

Drei Fernsehprogramme, selbst in größeren Städten ein begrenztes Freizeitangebot. Die Medienlandschaft bestand aus Tageszeitung, Radio, Fernsehen und Plakat. Inhalte bestimmten ausgebildete Journalistinnen und Journalisten. Der Verein selbst hatte darauf kaum Einfluss – aber auch kaum Verantwortung. Zumindest in ländlichen Gebieten erschienen zuverlässig Spielberichte und Vorankündigungen in der Tageszeitung – mancherorts immer noch.

Heute muss der Verein selbst für Öffentlichkeit sorgen

Homepage. App. Newsletter. Instagram. Facebook. LinkedIn. Vielleicht sogar TikTok. Die Möglichkeiten sind grenzenlos – und genau das ist das Problem für viele Vereine. Es ist einfach zu viel, zudem soll die Kommunikation ganz ohne journalistische Ausbildung tiptop sein.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Romy Schwaiger hat ihre Doktorarbeit über die Kommunikation von Fußball-Verbänden geschrieben und mit uns im Hartplatzhelden-Podcast darüber diskutiert. Ihr Blick von außen war spannend - und auch beruhigend.

Denn viele kämpfen mit denselben Fragen:

  • Wie viel muss man machen?
  • Welche Kanäle sind wirklich relevant?-
  • Und für welche Zielgruppen eigentlich?

Der Bayerischer Fußball-Verband bespielt als einer der wenigen tatsächlich alle relevanten Plattformen – sogar das Hassportal eines größenwahnsinnigen US-Milliardärs, das früher einmal Twitter hieß. Drei Tage dort reichten mir, um zu begreifen, wie viel Hass und Schmutz im Netz unterwegs sind. Ich habe mich zurückgezogen – manchmal ist der Preis für die Reichweite zu hoch.

Als ich meinen in die Jahre gekommenen Mitspielern erklärte, dass TikTok für junge Menschen eine relevante Rolle spielt, erntete ich skeptische Blicke. Ich verstehe das. Aber wenn wir die Jüngsten erreichen wollen, müssen wir zumindest darüber nachdenken. Vielleicht funktioniert ein „Tor des Monats“, wie wir es bereits auf Instagram veröffentlichen, dort richtig gut – und schafft Vereinsbindung.

Kommunikation heißt eben auch: sich bewegen.

Nach der Kritik an unserer Homepage habe ich mir andere Vereinsseiten angesehen. Vereine, die ich für gut organisiert halte. Das Ergebnis war ernüchternd: Bei einer Seite war der letzte Bericht fünf Wochen alt. Kein Vorwurf, eher die Erkenntnis, dass Kommunikation viele Vereine an ihre Grenzen bringt.

Als ich Romy erzählte, dass wir Instagram, Facebook, LinkedIn, App, Homepage und Newsletter bespielen, meinte sie nur: „Da seid ihr aber ganz schön weit.“ Ein schönes Kompliment. Und trotzdem bleibt das Gefühl: Es reicht nie ganz.

Vielleicht liegt die Lösung nicht im „Mehr“, sondern im „Gemeinsam“.

Warum nicht ein Team Öffentlichkeitsarbeit aufbauen?
Eine Person mit Überblick braucht es, klar. Aber dazu Menschen, die gern fotografieren. Die kleine Videos drehen. Die Spielberichte schreiben. Die Interviews führen.

Natürlich bedarf es Leitlinien. Es hilft niemandem, wenn nach einem D-Jugend-Spiel Elternberichte erscheinen, in denen Gegner oder Schiedsrichter beschimpft werden. Kommunikation braucht Verantwortung. Aber sie braucht auch Beteiligung.

Früher gab es das Amt des Pressewarts. Heute ist daraus eine komplexe Aufgabe geworden. Vielleicht ist es an der Zeit, Öffentlichkeitsarbeit fest im Vorstand zu verankern – oder zumindest eng anzudocken.

Denn am Ende geht es nicht nur um Spielberichte. Es geht um Sichtbarkeit. Um Wertschätzung. Um Identität. Und darum, dass sich möglichst viele in ihrem Verein wiederfinden – auf dem Platz und darüber hinaus. Die Mitglieder werden es danken.